Die Ausnahme von der Regel

Es ist schon eine ganze Weile her, da zeigte ich eine meiner allerersten Soloperformances bei einer Varietéshow in Berlin. Es war an irgendeinem Ort, den es wohl gar nicht mehr gibt und so wie man sich das in Berlin vorstellt – super trashig, aber dafür lustig. Im Backstage-Bereich lernte ich dann Florian kennen. Er war Teil einer Akrobatentruppe, die an demselben Abend auftrat und offensichtlich sehr an mir interessiert. In der kommenden Woche trafen wir uns einige Male und wie das dann meistens so geht, man fängt an sich zu küssen und schließlich wird aus Küssen mehr. Als wir dann so gemeinsam in den Federn lagen, stützte er sich auf und begann, mir von sexueller Kontinenz zu erzählen. Erst war ich etwas perplex. Meinte er etwa damit, dass wir in Zukunft es lieber bei einer platonischen Beziehung belassen sollten? So schlecht war es doch gar nicht gewesen, meiner Meinung nach, dass man gleich wieder damit aufhören sollte. Nein, nein, er meinte nicht, dass wir zölibatär bleiben sollten. Sexuelle Kontinenz bedeute vielmehr, dass der Mann beim Geschlechtsverkehr nicht ejakuliert. (Ist Geschlechtsverkehr nicht ein merkwürdiges Wort? Ich stelle mir dann immer Ampeln und Zebrastreifen vor der Vagina vor oder Schranken wie an Bahnübergängen.) Ach so, davon hatte ich schon gehört. Er fuhr mit seinen Erläuterungen fort.

„Ja, und das Äquivalent bei der Frau ist dann, dass sie keine monatlichen Blutungen mehr hat.“ Hä??? Das wollte mir nun nicht einleuchten. A) Blut ist etwas anderes als Sperma und b) ich kann vielleicht noch verstehen, wie man Sperma zurück stauen kann, aber die Periode? Aber ich wollte versuchen, nicht gleich alles abzublocken. Florian erklärte, dass die Tage gar nicht notwendig wären. Die Frauen würden einfach zuviel Energie durch das Blut (und vermutlich auch die Krämpfe) verlieren und der Körper könnte außerdem das alles inwendig abbauen und stattdessen die Kräfte für die geistige Erleuchtung einsetzen.

Mir kam das alles zwar mehr als spanisch vor, aber ich wollte der Sache mit Florian eine echte Chance geben und beschloss mich näher mit dem Thema zu befassen. Er war Mitglied in einem Yoga-Institut, das besonderen Wert auf diese Dinge legte. Also meldete ich mich neugierig dort ebenfalls an und schaute mich etwas um. Die Leute wirkten unglaublich nett und auch nicht auf den Kopf gefallen. Vielleicht war ja doch an der ganzen Sache etwas dran? Befremdlich fand ich allerdings, dass die Leute, die schon länger dabei waren, von ihrem Oberguru neue Namen bekommen hatten. Das ist an für sich nichts Neues. Ich vermute, den meisten ist schon eine Shakti oder ein Sadhu über den Weg gelaufen. Doch dieser Guru schien etwas kreativer mit der Neu-Namensgebung umgegangen zu sein. Amaryllis, Jade oder Erophila traf man stattdessen hier an. Garantiert schwirrten dort auch eine Süßwasserperle, Hagedorn und eine Endorphina herum. Wesentlich irritierender als die Namen fand ich ihre Geschichten und die Ausdrucksweisen, die sie benutzten. So erklärte mir Timo, der noch keinen neuen Namen bekommen hatte, aber zumindest schon im hauseigenen Ashram wohnte: „Die Frauen hier versuchen, mich zu polarisieren und das klappt auch meistens ganz gut. Aber dann muss ich mit dem Unterkörper erhöht schlafen, um meine sexuelle Energie nicht zu verlieren und das ist schon manchmal anstrengend.“ Wenn ich das richtig verstand, bedeutete in diesem Zusammenhang „polarisieren“, dass ihn die anderen Frauen anflirteten oder sich sonst wie „weiblich“ benamen, um seine maskulinen Energien zu steigern, die er aber um Himmelswillen nicht in feuchten Träumen verlieren dürfte.

Wie dem auch sei, die guten Yoginis waren auf jeden Fall sehr erpicht darauf, mir bei meinem Weg zur Erleuchtung weiterzuhelfen. So kam eine Frau mit blumigen Namen – Amphetamina oder so ähnlich – eines Tages auf mich zu und erzählte mir aufgeregt, dass an einem der kommenden Wochenenden ein ganz besonderes Seminar in Erlangen abgehalten würde, wo es ausschließlich um die sexuelle Kontinenz der Frau ging. Es sei preislich sehr günstig, man könnte in den Räumen dort übernachten und sie hätte mir sogar bereits eine Mitfahrgelegenheit besorgt. Was gab es da weiter zu sagen? Ich sagte also zu.

Besagtes Wochenende machten wir uns also auf den Weg, um das Menstruieren zu verlernen. Das Yogastudio in Erlangen war klein und es waren extra zwei Spezialistinnen aus Rumänien angereist. Zunächst versammelten sich schnatternd die ungefähr 30 Teilnehmerinnen in dem Raum und setzten sich in einen Kreis zusammen. In der Mitte standen Blumen und Kerzen, es sollte schließlich auch gemütlich sein. Die Expertinnen traten ein. Sie trugen enge Minikleider und hatten mit dem Make up nicht gespart. Wie sie ihre langen Haarmähnen aus dem Gesicht schüttelten, hatte man eher den Eindruck, sie wären auf dem Weg zu einer Erotik-Party anstatt gekommen, um uns über ihren Vorsprung auf dem Weg zur Erleuchtung zu berichten. Denn sie waren wohl zuzusagen blutlos seit geraumer Zeit.

Wie das so üblich bei Seminaren ist, gab es erstmal eine Vorstellungsrunde. Eine nach der anderen nannte ihren Namen, ihr Alter und wie sehr sie sich bereits mit der sexuellen Kontinenz beschäftigt hatte oder welche Fortschritte sie schon diesbezüglich verzeichnen konnte.

„Hallo! Mein Name ist Bianca und ich bin was dieses Thema anbelangt noch blutige Anfängerin.“
Schallendes Gelächter. Bianca bemerkt erst jetzt, wie buchstäblich Recht sie mit ihrer Aussage hatte und errötet. „Ha ha haaa… oh… ich wusste gar nicht… na ja, stimmt ja auch irgendwie… ha ha haaa….“

Nach den Formalitäten ging es gleich ans Praktische. Die Vorhänge wurden zugezogen und wir schauten alle gemeinsam für 20 Minuten einen Porno. Ja, ihr habt richtig gehört. Die Geschichte darin gehörte zu den Klassikern – Handwerker kommt vorbei und macht dann schlussendlich etwas ganz anderes als für was er ursprünglich vorbei gekommen ist. In diesem Fall hatte sich die Gute aus ihrer Wohnung ausgesperrt und den Schlüsseldienst gerufen. Anstatt dass dieser nun der nur mit einem Badetuch Bekleideten die Tür aufsperrte, half er ihr anderweitig weiter. Es ist ein Wunder, dass keiner der Nachbarn herausschaute bei den Aktionen, die beide veranstalteten.
Die Seminarteilnehmerinnen schienen etwas verlegen und konnten sich nicht enthalten, die Szenen mit Kommentaren in ihrer Esoterik-Sprache zu belegen. „Na, da hat er sie aber polarisiert…“, hörte man oder „Schaut mal, was sie da für eine Resonanz bekommt, hihi…“ als der Schlüsselmann seinen harten Penis aus der Hose zieht.

Als der Film ausgeschaltet wurde, waren sich die meisten Teilnehmerinnen einig, dass der Porno ganz o.k. war, weil sich die Darsteller auch zwischendurch manchmal geküsst hätten. Eine der Dozentinnen begann zu erklären, warum wir uns Pornos anschauen sollten. Sie hätte sich eine Übung ausgedacht, die darin bestände, täglich 10-15 Minuten Sexfilmchen zu gucken, um ihre sexuelle Energie zu steigern, die bei Frauen generell zu niedrig wäre und die man ankurbeln müsste, um sie dann für die eigene Erleuchtung zu verwenden. „Bei mir sollte man echt nichts mehr ankurbeln“, murmelte ich. Die Anderen aber hörten geflissentlich zu und machten sich eifrig Notizen. (Ich hörte später, dass eine der Teilnehmerinnen aus Berlin die Übung tatsächlich auch wochenlang auf diese Empfehlung hin betrieb.) Dann gab es vielfältige Tipps und Tricks wie man seine Menstruation vermeintlich abschalten könnte. Die Rumäninnen zeigten zum Beispiel passende Yogaübungen, die den Prozess unterstützen sollten. Diese demonstrierten sie in ihren hautengen Kleidchen, die dabei hoch rutschten und ihre Stringtangas offenbarten, während sie kichernd versuchten, mit einer Hand wieder etwas Stoff über ihr Gesäß zu ziehen. Fühlte sich irgendwie etwas nach der Fortsetzung des Pornos vom Anfang an. Dann erzählten sie von Kräutertinkturen und anderen Mittelchen, die man inwendig anwenden könnte, um der Erdbeerwoche, wie sie ein Ex-Freund von mir nannte, Einhalt zu gebieten. Zum Abschluss gab es noch mehr Hilfestellungen. Anscheinend ist zum Beispiel Sex ebenfalls ein gutes Mittel und es wurde auch nahegelegt, sich neben einen oder diversen Liebhabern mit dem eigenen Geschlecht zu vergnügen. Irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass dieser Oberguru versuchte, sich hier Frauen nach seinen privaten obzönen Fantasien heranzuzüchten. Das Absurde war hingegen nämlich, dass die gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern hingegen verpönt wurde.

„Der Anus ist mit den niederen Energien verknüpft“, erläuterte mir die hennagefärbte Smaragda. „Und damit nicht empfehlenswert.“ Dafür erklärte sie sich als eine Anhängerin des „Golden Shower“. Damit meinte sie aber nicht das schlichte Anpinkeln des Sexualpartners, nein, sie ging noch einen guten Schritt weiter – alles natürlich im Dienste der eigenen Erleuchtung.

„Nach dem Sex sind in dem Urin noch alle Energien gespeichert, die während dem Geschlechtsakt freigesetzt werden. Um diese nicht zu verschwenden, ist es sinnvoll, sich nach dem Geschlechtsverkehr mit seinem Partner gegenseitig in den Mund zu pinkeln und den Urin des anderen zu trinken.“

Bei aller Offenheit, aber die Vorstellung, nach dem Geschlechtsverkehr sich in 69-Stellung zu begeben um eine „kleine Erfrischung“ in der Form zu mir zu nehmen, gefiehl mir nur bedingt. Abgesehen davon, dass es mir scheinheilig erschien, solche Praktiken zu begrüßen und andere zu verdammen. Wenn Frauen miteinander rummachen, ist das hot und bringt dich auf die spirituelle Überholspur. Aber Männer, die miteinander… das ist falsche Abfahrt Richtung Nirvana.

Nach der Teepause übten wir uns abschließend noch im „kosmischen Orgasmus“. Schwer zu beschreiben, was wir da wirklich machten. Es war eine Art Meditation, in der man versucht, sich im Geiste mit dem Universum vereinen und dabei ebenfalls in eine körperliche Erregung verfällt, die in einer Art Höhepunkt endet. Im Endeffekt muss man sich dreißig Frauen vorstellen, die im Kreis auf den Boden hocken und dabei nach einer Weile in Zuckungen und leichtes Stöhnen verfallen. Danach ist der Zauber vorbei. Wir packten zusammen, verabschiedeten uns und stiegen wieder ins Auto Richtung Berlin. Auf der Fahrt wurde weiterhin tüchtig diskutiert und ausgetauscht – Mädelsgespräche eben. Eine berichtete, dass ihr derzeitiger Freund Nikolai ihr mehrfache Höhepunkte pro Nacht bescherte. Eine kitzlige Information, denn als ich kurze Zeit später Nikolai im Yogazentrum kennenlerne, muss ich mich zusammenreißen, nicht seine Hand zu schütteln und auszurufen: „Ach, du bist Nikolai mit den multiplen Orgasmen! Freut mich, dich kennen zu lernen!“

Ich ging noch eine Weile zu den Yoga-Klassen in dem Zentrum, aber auf die Dauer war das keine gute Verbindung für mich. Genauso wenig wie die Verbindung zu Florian, die ein kümmerliches Ende nahm. Ich kann am Ende nur aus einer Anekdote von einem Freund zitieren, der einstmals in Hamburg mit einer rauen Nordmännin anbändelte. Die sagte nämlich aufmunternd zu ihm: „Was einer echter Süßwassermatrose ist, der sticht auch in rote See!“ Mir schüttelt sich bei dem Ausspruch zwar alles, aber eines muss man ihr lassen – Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

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