Kunst und Leberwurst

Ich bin sehr gut im „mich verlesen“. Ich weiß nicht, ob das überhaupt ein richtiger Satz ist, aber mir fällt keine andere Möglichkeit ein, wie ich das formulieren sollte. Vielleicht: Ich bin sehr gut im „falsch lesen, was da dasteht“. Klingt auch nicht viel besser. Im Verhören bin ich auch gut, aber mein Verlesen ist oft noch viel kreativer. Viele würden kommentieren, das habe einfach mit mangelnder Konzentration zu tun oder ich sollte endlich anfangen, regelmäßig meine Brille zu tragen. Aber diese Leute verstehen schlicht und einfach nicht, wie sehr diese kleinen abstrusen Verleser mein Leben bereichern und einfach bunter machen. Ich empfinde sie als kreativen Akt meines Unterbewussten. Und ich amüsiere mich selbst köstlich dabei. Die Welt wäre soviel lustiger und farbenfroher, wenn sie sich nach meinen Verlesern richten würde.

Ich gebe euch mal ein Beispiel – zur Weihnachtszeit findet nach meiner Information in der Tinnituskirche eine Kippenausstellung statt. Hier sehen sie eine halbaufgerauchte Kippe aus dem Gulli an der Hermannstraße. Sie trägt etwas roten Lippenstift an der Seite von der Hausmarke bei Rossmann. Oder hier, die bis zum Filter gerauchte Kippe, die vor dem Berghain geborgen wurde. Laboruntersuchungen haben Spuren von MDMA in der Einspeichelung feststellen können. So stelle ich mir das dann im Geiste vor, während das Tageslicht durch die Buntglasfenster bricht und die Ausstellung in mysteriöses Licht taucht. Die Fenster stellen Szenen aus dem Leben von Sankt Tinnitus dar. Ein Heiliger, der für seine hohe Piepsstimme bekannt war und besonders als Schutzheiliger aller Schlagzeuger gilt.
Außerdem ist es erstaunlich, wie viel Fötenmusik gerade zur Weihnachtszeit an verschiedenen Orten in Berlin gespielt wird. Die sind sehr umtriebig, die Föten.
Ein anderes schönes Beispiel ist die Band mit dem schönen Namen „Die toten Crackerhuren im Kofferraum“ – Die treiben es echt wild! Stopfen sich mit Tucs und Blätterteigstangen voll und krümeln, was das Zeug hält.

Eines Tages, kurz nach meinem Umzug in den Wedding, kam ich auf dem Weg zur U-Bahn an einer Kunstgalerie mit dem uninspirierten Namen „Kunst und Lebensart“ vorbei. Doch was las ich? Kunst und Leberwurst. Ich war begeistert! Was für ein Konzept! Ich stellte mir sogleich vor, wie zu den Vernissagen von abstrakter, moderner Kunst Leberwurstschnittchen gereicht wurden. Wenn ein Werk verkauft wurde, bekam der Kunde noch etwas Aufschnitt mit eingepackt und anstatt eines roten Punktes wurde eine leere Wurstpelle an das Bild gepinnt. Ich war schwer enttäuscht, als ich den Namen ein zweites Mal las und meinen Irrtum erkennen musste. Ich bin immer noch der Meinung, dass mein Verleser das bessere Konzept wäre.

Und vielleicht gibt mir die Realität da sogar recht. Meine Fantasie hat hier nämlich ein reales Vorbild. Manchmal übertrifft die Realität nämlich meine Leseverwirrungen.
Auf der Schönhauser Allee habe ich vor Jahren einen Laden entdeckt, bei dem mir diesmal nicht der Name ins Auge fiel, während sein Angebot mich perplex im Laufen innehalten ließ.Er verkauft nämlich – man glaubt es kaum – heiße Würstchen, frisch gepressten Orangensaft, Unterwäsche und Socken. Ich konnte es kaum fassen.
Würstchen essen und sich dabei einen Schlüpfer aussuchen? Wer will denn so was?, dachte ich. Aber das Konzept scheint aufzugehen. Während reihenweise über die Jahre hinweg, in denen ich bereits in Berlin wohne, Nagelstudios, Copyshops und Bubble Tea-Stände neu eröffneten, um kurz darauf wieder zu schließen, verteidigt dieser Laden standhaft seine Berechtigung. Vielleicht tut er das, weil er so viele unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt, während die zuvor genannten sich nur auf eine spezielle Dienstleistung limitiert haben. Ich habe mich ohnehin immer gefragt, wie es dazu kommen kann, dass ca. 100 Leute gleichzeitig die Idee haben, ein Nagelstudio zu eröffnen. „Da bin ich absolut ein Vorreiter“, denken sie sich vielleicht. „Absolut allein auf weiter Flur. Ich werde das einzige Nagelstudio in der gesamten Umgebung betreiben.“ Und dann – wham! – 5 Nagelstudios in einer Straße. „Verdammt!“

Noch abstruser war die Welle an Bubble Tea-Kiosks, die über Berlin hinwegrollte. Ich war nur paar Monate durch Südamerika zurückgestrolcht, kam zurück nach Berlin und plötzlich wurde an jeder Ecke, Bubble Tea angeboten. Ich gebe zu, ich habe noch nie einen einzigen diesr Bubble Teas getrunken. Bei der Vorstellung allein kräuseln sich schon sämtliche meiner Zehennägel. Ein aromatisierter pappsüßer Eistee, in den man noch eine zweiten Sirup reinkippen kann und dazu dann noch Zuckerperlen in einer dritten Geschmackrichtung, die man sich beim Trinken durch den Strohhalm zieht…brrr… Aber nun gut – Geschmäcker sind nun mal verschieden. Oder auch nicht. Weil mittlerweile sind fast alle Bubble Tea-Stände aus Berlin verschwunden.

Ich bin jedenfalls der Meinung, Läden wie „Kunst und Leberwurst“ hätten auf jeden Fall mehr Zukunft. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Geschäft, dass Falafel, Cocktails und Schuhe verkauft? Ich denke, das könnte auch hervorragend funktionieren. An einem Margarita nippend, sucht man sich paar Lackpumps aus. Oder an einem Schawarma mümmelnd, fragt man sich bereits, ob man sich nicht als Absacker noch einen White Russian gönnen möchte oder ob man nicht doch die hinreißenden Nike-Sneakers dort drüben anprobieren sollte. Der Alkoholkonsum könnte auch verkaufsfördernd sein.
Ich würde sogar noch einen drauf setzen und mir einige dieser komischen Hottehühpferdchen, die man in Berliner Einkaufsarkaden zur Bespaßung der Kinder mieten kann, anschaffen. Ich frage mich, wer diese erfunden hat. Plüschpferdchen auf Rollen, die man dadurch fortbewegt, dass man darauf auf und ab hüpft. Diese Spielzeuge sind irgendwie pervers. Ich hoffe nur, dass dadurch nicht irgendwelche Pädophilen auf komische Gedanken kommen. Zumindest scheinen sie sehr beliebt zu sein, gehören sie doch mittlerweile zur Standardausstattung der Unteretagen in sämtlichen Einkaufszentren. Ich meine, die Pferdchen, nicht die Pädophilen.
Auf jeden Fall würde ich mir auch welche davon anschaffen, sollte ich jemals meinen
Falafel-Cocktail-Schuhladen eröffnen. Vielleicht kommen sogar die Föten vorbei, um aufzuspielen. Das wäre doch mal was.

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