Midlife Crisis – Die Lebensmitte-Krise inmitten von Krisen

Ich feiere demnächst meinen 42ten Geburtstag. Das ist an für sich nichts Schlechtes. Ich habe kein Problem damit, dass die Falten und grauen Haare mehr werden. Oder dass ich mittlerweile ein gutes Buch einer lauten Party vorziehe. Eigentlich war ich noch nie ein wirklicher Partygänger. Wie auch immer…

Was mir aber seit einigen Monaten zusetzt, sind andere Gedanken. Ich blicke auf mein bisheriges Leben zurück und mache eine Zwischenbilanz – was habe ich bisher von dem erreicht, was ich mir ursprünglich vorgenommen hatte? Wo bin ich gescheitert? Welche Werte, die ich früher vertreten habe, haben sich mittlerweile verändert? Und daraus resultierend – wie soll es in Zukunft für mich weitergehen? Ich habe schließlich noch einiges an Jahren auszufüllen.

Und es hat mich nicht nur nachdenklich sondern auch traurig gemacht. Viele meiner Träume gingen zwar in Erfüllung, hielten aber nicht, was sie versprachen. An manchen habe ich mir kläglich immer wieder die Zähne ausgebissen. Im Großen und Ganzen ist nicht viel von meinen Jugendträumen übriggeblieben. Sie sind immer mehr auf dem langen Weg zerbröselt. Schaue ich zurück habe ich den Eindruck, dass ich oft mit allzu großer Hast bunten Fata Morganas nachgejagt bin, getrieben, das Ziel zu erreichen und dabei vergessen habe, den Pfad dahin zu genießen und Zeit für meine Freunde zu haben.

Als ich mit Freunden gleichen Alters darüber sprach, fand ich heraus, dass es uns allen so ging. Wir sind wohl alle miteinander in der sogenannten Midlife Crisis angekommen. Nur kompensieren wir das nicht wie in dem gängigen Klischee mit teuren Autos und wesentlich jüngeren Partnern. Das erstere könnte damit zusammenhängen, dass wir uns alle ein teures Auto nach wie vor nicht leisten können. Denn wir haben unsere Lebensmitte-Krise inmitten einer Zeit von diversen Krisen. Und ich habe den Eindruck, dass dies nicht gerade zur Erhellung unserer Depression beiträgt.

Da ist zum einen die politische Situation – die Parteien sind zu einem unförmigen Brei aufgeweicht, denen man keine klugen Entscheidungen mehr zutraut. Dafür kommen Rechtsextremisten aus diversen Kellerlöchern gekrochen, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Der Kapitalismus zeigt immer mehr seine unangenehmen Folgeerscheinungen durch Flüchtlinge, die bei uns Zuflucht suchen, nachdem wir mit Waffenexporten den Krieg in ihren Heimatländern verlängert haben. Die Weltmeere ertrinken in unserem Müll, die Abholzungen der Regenwälder schreitet nach weiter voran und der Klimawandel führt zu vermehrten Naturkatastrophen. Daneben steigen die Mieten, Kultur- und Bildungsgelder werden gestrichen und die Leute vereinsamen immer mehr vor ihren Laptops.

Als wir jünger waren, schien die Welt noch eine ganz andere zu sein – friedlich und voller Möglichkeiten. Doch als ich das Teenageralter erreichte ging es los mit Aids, dem Irakkrieg und dem Ozonloch. Doch mit 16 Jahren hielt ich es noch für möglich, alles zum Guten zu wenden, einfach, indem ich auf die Straße ging, um zu demonstrieren. Mittlerweile weiß ich, dass das allein nichts gefruchtet hat.

Ich bin weit davon entfernt, aufzugeben. Aber es belastet mich zusätzlich. Die Welt hat sich in meinen 42 Jahren so drastisch verändert. Wer kann sagen, wie es nach den nächsten 42 Jahren ausschaut? Nach meinen vergangenen Erfahrungen, verheißt das nichts Gutes.

Meiner Meinung nach hilft nur eines gegen sämtliche Krisen – aktiv werden! Auch wenn man sich wie David gegen Goliath vorkommt. Man kann zumindest sagen, man hätte sein Möglichstes versucht.

Und man kann aus seinen Erfahrungen lernen. Ich will mehr gehen statt rennen. Den Prozess auf dem Weg zum Ziel genießen und mir Zeit nehmen, mich dabei umzusehen, um alles wahrzunehmen. Mehr Zeit für meine Freunde und andere wichtige Personen in meinem Umfeld haben. Mich weiterbilden, auch wenn es sein kann, dass wenn ich das Ziel erreiche, sich niemand mehr um diesen Abschluss schert. Auch wieder auf Demonstrationen gehen, weil man nach wie vor versuchen muss, die Welt zum Besseren zu verändern. Selbst weniger Müll in meinem Haushalt produzieren und mich wieder vegan ernähren, wenn auch nicht ganz so verbissen wie früher. Manche mögen mich dafür belächeln, aber da kommt mir mittlerweile der Vorteil des Alters zugute – mir sind die Meinungen anderer heute wesentlich mehr egal als mit 16 Jahren. Und selbst wenn ich die gewaltigen Mühlen der Welt nicht allein anhalten kann, ich habe noch vierzig Jahre vor mir und ich kann jetzt noch nicht die Flinte ins Korn werfen. Ich will aus meiner und unserer gemeinsamen Krise heraus und will nicht einfach mit den Achseln zucken und sagen: „Es hat doch eh keinen Zweck“. Das verschärft nur die Depression. Ich will stattdessen hoffen, dass steter Tropfen tatsächlich den Stein höhlt und wo ein Wille, auch ein Weg ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.