Die Geschichte vom pfiffigen Teekessel / Fragment I

Gregor führte ihn in eine enge Gasse, die sich unverhofft zwischen zwei Häusern auftat. Die Häuser standen so dicht beieinander, dass man, wenn man die Arme weit ausstreckte, ohne Mühe links und rechts mit den Fingerspitzen an den gegenüberliegenden Fassadenwänden entlang streifen konnte. Ganz am Ende hielt Gregor vor einem winzigen Laden, der mit einem einzigen verstaubten Schaufenster aufwarten konnte. Über dem Eingang hing ein schiefes, zerkratztes Schild, zu ausgeblichen, als dass man einen Namen darauf hätte entziffern können.

Beim Öffnen der Ladentür schlug ein blechernes Glöckchen an. Einige wenige Treppenstufen führten in das muffige, schummerige Innere des Geschäftes. Wo man hinblickte, standen kreuz und quer Regale, als hätte jemand ohne Plan und Verstand sie dort aufgestellt und sie dann vergessen. Zwischen Spinnweben, speckigen Kartons und durcheinanderliegenden Utensilien harrten undefinierbare Dinge auf mutige Käufer, die sich in diesen versteckten Flecken verirrten.

„Hallo“, rief Gregor in das hintere Dunkel des Ladens. „Ist hier jemand?“
Der Laden schwieg zurück.
„Guten Tag?“, half Elias nach. Das Einzige, was sich regte, waren tanzende Staubpartikel die durch die wenigen Sonnenstrahlen zogen, die durch die blinden Schaufensterscheiben einfielen. Elias und Gregor blickten sich an. Elias zuckte die Schultern und wollte bereits wieder Richtung Ausgang verschwinden, da unterbrach das Schweigen eine mürrische Stimme.

„Die Herren wünschen?“ Elias und Gregor zuckten erschreckt zusammen und drehten sich fassungslos nach dem Besitzer des Gerümpels um, der anscheinend die ganze Zeit hinter der Theke direkt vor dem Ladenfenster gethront hatte, ohne dass sie ihn bemerkt hätten. Nachdem sie sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten, entdeckten sie einen kauzigen Mann in einer dunklen Ecke, kaum unterscheidbar von dem Sammelsurium an Kuriositäten, die sich um ihn herum auf jedem freien Platz des Ladens türmten.

Der Trödelkönig hatte ein breites Gesicht voller Falten, die so aussahen, als hätte sich der Staub seiner diversen Kisten über Jahre hinweg dort festgesetzt. Über dem kurzen, krausen Haar trug er eine zerbeulte Kappe und am Kinn einen kleinen Spitzbart, der dem Gesicht wohl mehr Länge verleihen sollte, aber leider den gegenteiligen Effekt hatte. Sein kleiner und kugeliger Körper steckte in einem abgeschabten violetten Samtponcho, die feisten, kurzen Beine in Pluderhosen von undefinierter, gräulicher Farbe. Abgerundet wurde seine Erscheinung von bestickten Pantoffeln mit nach oben gebogenen Spitzen, als sei er eben gerade einer Geschichte aus tausendundeiner Nacht entstiegen.

„Entschuldigung, wir hatten Sie nicht gesehen“, stammelte verblüfft Elias.
„Passiert den meisten Leuten“, grummelte es hinter der altmodischen Kasse zurück. „Sucht ihr etwas Bestimmtes?“
„Ja,“ gab Gregor zurück. „Mein Freund benötigt einen Wasserkocher.“
Der runde Mann blickte ihn verächtlich an. „Wasserkocher, sagst du? So ein elektrisches, unästhetisches Plastikding? So etwas bekommt ihr hier nicht. Aber Moment…“

Er schlurfte hinter der Theke hervor und verschwand hinter einem baufälligen Regal. Man hörte mehrfaches Rumpeln und Klirren.
Gregor und Elias sahen sich an. Gregor deutete mit den Augen Richtung Tür. Ihm war das Ganze hier doch zu abenteuerlich. Elias hob beschwichtigend die Hand. Er war neugierig, was der merkwürdige Ladenbesitzer anschleppen würde.
Gregor zuckte daraufhin ergeben die Achseln und drehte sich wieder hin zu dem Regal, hinter welchem der seltsame Mensch verschwunden war.

Dieser kehrte nach wenigen Minuten, in denen man ihn verstärkt hinter dem Regallabyrinth hatte laut schnaufen und wühlen hören, mit einem Karton beladen zurück, welchen er auf einem durchgesessenen Korbstuhl absetzte.

„Schaut euch mal in dieser Kiste um. Da sind erstklassige Teekessel drin. Besser als dieses ganze moderne Plastikzeug ‚Made in China’.“ Er nahm zwei angeschlagene Metallpötte aus der Kiste hoch und schlug sie gegeneinander.
„Das ist echte Wertarbeit. Un-ka-putt-bar. Ich mache euch einen guten Preis.“

Elias trat scheu heran und spähte in den mit Fettflecken übersäten Karton. Gregor blieb lieber auf Abstand, als fürchtete er, dass sich zwischen den ganzen Gerätschaften eine Boa constrictor ringeln könnte.

„Na los, nur nicht so schüchtern. Anfassen ist hier ausdrücklich erlaubt,“ ermunterte ihn der Dicke und klatschte Elias mit Schwung seine Pranke auf den Rücken. Dann watschelte er zurück zu seinem Platz hinter der Kasse.

In jedem anderen Laden hätte Elias sich mit einer Entschuldigung auf schnellstem Wege wieder verdrückt, aber eingeschüchtert von dem Besitzer traute er sich nicht, dessen Aufforderung nicht nachzukommen.
Zaghaft nahm er zwei der Teekessel hoch, die verkrustet mit Staub und Schmiere waren und legte sie auf das Tischchen daneben. Dann wühlte er tiefer in dem Karton, hielt ab und an ein anderes Kännchen hoch, um es dann ebenfalls zu den anderen aussortierten Fundstücken zu legen. So wuchs der Berg neben der Kiste, während ihr Inhalt immer leerer wurde. Elias wollte schon aufgeben und alle Kessel wieder in die Schachtel zurückräumen, da sah er etwas aus dem schwarzen Dunkel der Kiste hervorblinken. Er griff hinein und zog eine verrußte Kanne hervor. Durch den Dreck, der auf der Oberfläche haftete, war schwer zu sagen, was sich wirklich darunter verbarg. Aber ihre achteckige Form gefiel Elias und sie fühlte sich schwer und stabil in seiner Hand an. Die Größe war auch nicht schlecht. Damit könnte man bestimmt eine große Kanne Tee oder Kaffee kochen.

Er blickte auf seinen Freund Gregor, der zweifelnd neben ihm stand. „Ist das dein Ernst?“, flüsterte dieser ihm zu. Aber Elias beachtete ihn gar nicht.
„Wie viel wollen sie für den Teekessel haben?“, wandte er sich zu dem Ladenbesitzer um und hielt die Kanne in die Höhe. Dieser nickte anerkennend, sichtlich mit seiner Wahl zufrieden.

„Bei einem Mann mit deinem erlesenen Geschmack mache ich einen Sonderpreis“, verkündete er. „Zwei Euro fünfzig und sie ist dein.“
„Abgemacht,“ erwiderte Elias erfreut und streckte ihm das Geld hin.
Der Dicke nahm es entgegen und ließ es hinter seiner Samtkutte verschwinden.
Elias wollte schon die anderen Kannen wieder in der Kiste verstauen, aber der seltsame Verkäufer winkte ab. „Nicht nötig. Ich wünsche den jungen Herren noch einen schönen Abend. Beehren Sie mich bald wieder. Und – viel Vergnügen!“

Gregor nahm Elias am Ellbogen und zog ihn Richtung Eingangstür. „Komm, lass uns gehen.“
„Danke. Das wünsche ich Ihnen auch,“ rief Elias über die Schulter in den Laden zurück, in der Faust den Henkel seiner neuen Kanne.

Kaum waren sie draußen, da hörten sie, wie sich der Schlüssel in der Tür hinter ihnen blitzschnell umdrehte und die Jalousien mit einem Krachen heruntergezogen wurden.

„Merkwürdiger Kauz,“ versetzte Gregor.
„Merkwürdig ist gar kein Ausdruck,“ gab Elias zurück. „Hast du die Schuhe gesehen?“
Sie lachten, erleichtert aus der Stickigkeit des Ladens heraus zu sein.
„Und ich habe zumindest etwas Neues, um Wasser zu kochen.“ Elias streckte triumphierend die Hand mit dem Teekessel in die Höhe.

Gregor blickte wenig begeistert hinterher. „Das Ding würde ich an deiner Stelle erstmal desinfizieren. Vermutlich haben schon diverse Ratten das Ding als Nachttopf benutzt.“

Elias grinste. Gemeinsam schlenderten sie aus der beengten Gasse heraus. An der nächsten Straßenecke trennten sie sich und Elias ging zu Fuß mit seiner neuen Kanne nach Hause.

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