Textfragment – Work in Progress I

Der nächste Tag war ein Samstag. Elias lag in den Federn und genoss es, noch ein wenig mit geschlossenen Augen unter der warmen Bettdecke zu liegen. Schließlich trieb ihn ein Magengrummeln dazu, zumindest ein Auge zu öffnen. Das half nicht unbedingt, dem Hungergefühl in seinem Bauch abzuhelfen, aber es war zumindest ein Anfang. Er schloss das Auge wieder und reckte alle Gliedmaßen wohlig von sich. Dann rollte er sich seitlich aus dem Bett und schlug endlich beide Augen auf als seine Füße den Boden berührten. Zufrieden schlurfte er ins Bad, putzte sich die Zähne, klatschte etwas Wasser in sein Gesicht und lief, angetan in seiner ausgeleierten Trainingshose und dem alten, schlabberigen T-Shirt, in dem er geschlafen hatte, zum Bäcker an die Ecke, um Brötchen und einen Kaffee zum Mitnehmen zu kaufen.

Als er damit wieder in seine kleine Wohnung hochgestiegen war und sich an seinen Mitbringseln gelabt hatte, fühlte er sich in angeregter Stimmung. Sein Blick fiel auf den verkrusteten alten Teekessel, den er gestern erstanden hatte. Das schien ein lohnenswertes samstägliches Spätvormittags-Projekt zu sein. Er kramte Spülschwamm, Scheuermilch und Nagelbürste unter seiner Spüle hervor und machte sich an die Arbeit. Er musste ordentlich schrubben. Der Kessel schien seit Jahrzehnten nicht mehr mit Seife und Wasser in Berührung gekommen zu sein. Schicht um Schicht von Schmiere und undefinierbarem Dreck gurgelte in Gemeinschaft mit Schmutzwasser den Abfluss hinunter. Elias kam ordentlich ins Schwitzen. Und je länger er sich abmühte, desto mehr staunte er, was unter der undurchdringlichen Schwärze zum Vorschein kam. Das Metall, welches anfing wieder in der Sonne zu glänzen, war bei Lichte besehen übersät mit filigranen Gravierungen. Elias führte seine Säuberungsarbeiten nun mit größerer Vorsicht und Präzision fort und legte so Zentimeter für Zentimeter Zeichen, Symbole und ungewöhnlich anmutende Verzierungen frei. Der Teekessel entpuppte sich zu seiner Überraschung als ein wahres Schmuckstück.

Selbst im Inneren des Kessels setzten sich die geheimnisvollen Verschnörkelungen fort.
Am Schluss nahm Elias eine dünne Bürste zur Hand, die er irgendwo in den Weiten seines Küchenschrankes fand und polierte noch innwendig die Tülle des Kessels.

„Nicht schlecht, nicht schlecht…“, murmelte er dabei vor sich hin. Wenn der Kessel jetzt auch noch gute Dienste beim Wasserkochen lieferte, konnte er sich nur zu dem Kauf beglückwünschen.

Nachdem Elias mit seiner Säuberungsaktion zufrieden war und den Kessel von außen sorgfältig abgetrocknet hatte, ließ er sogleich Wasser in die Kanne laufen. Anschließend stellte er ihn auf den Herd, drehte das Gas an und setzte es in Brand.
Daraufhin holte er seine Teekanne aus dem Schrank, füllte das dazugehörige Sieb mit schwarzen Teeblättern und holte seine Lieblingstasse sowie Milch und Zucker hervor. Dann setzte er sich befriedigt auf den Küchenstuhl und wartete darauf, dass das Wasser zu kochen begann.
Er hörte freudig, wie es im Kessel zu brodeln. Plötzlich ertönte unerwartet ein garstiges, ohrenbetäubendes Geräusch, so laut und durchdringend, dass Elias vor Schreck von seinem Stuhl kippte. Es klang, als wenn ein heiser getröteter Elefant mit einer rostigen Dampfmaschine, die eine Vollbremsung machte, zusammenkrachte. Elias sprang schnell auf und stellte das Gas ab. Prompt versiegte der Lärm zu einem misstönenden Pfeifen, welches in ein klägliches Gefiepe überging bis es endlich ganz erstarb.

Elias stand fassungslos vor dem Herd. „Oh weia,“ stammelte er nur fassungslos. Er schüttelte ungläubig den Kopf.
Noch ganz zitterig vor lauter Schreck goss er den Tee mit dem heißen Wasser auf, welches gurgelnd aus dem elegant gebogenen Hals des Kessels hervordrängte.
Er stellte den Kessel wieder auf dem nun erkalteten Herd ab, hob den Küchenstuhl auf, der mit ihm umgefallen war und ließ sich auf selbigen hernieder plumpsen.

„Wow…“, murmelte Elias fassungslos vor sich hin und blinzelte verdutzt zu seinem neuen Wassererhitzer hinüber. „Das war… wow…“, brabbelte er weiter. „So etwas Abscheuliches habe ich noch nie gehört!“

Er schüttelte sich als könnte er damit das Erlebte von sich abstreifen. Er füllte sich seine Tasse mit dem frisch gebrühten Tee und nahm einen großen Schluck. Danach starrte er etwas in die Leere, froh über die wohltuende Stille nach dem Lärm.

„Oh weia… Noch nie gehört…“, knirschte eine erboste Stimme, die wie rostige Zahnräder klang, die ungeölt versuchen, sich ratternd in Bewegung zu setzen. Elias blickte schlagartig auf und suchte die Küche mit den Augen ab, um herauszufinden, von wo und wem die Stimme kam. Aber da war niemand. „Vielleicht waren das meine eigenen Gedanken. Ich bin schon ganz verwirrt“, dachte er bei sich.

„…was weiß der schon… Grünschnabel…“, hörte er die kratzige Stimme wieder ärgerlich vor sich hin zischen. Dieses Mal drehte er seinen Kopf, um hinter sich zu sehen. Aber er konnte niemanden entdecken. Er beugte sich vor und sah unter den Küchentisch. Auch hier war nichts.

„.. bei allem was ich durchgemacht habe… muss ich mir auch noch solche Kommentare gefallen lassen…“, rasselte es ungestört weiter. Elias sprang auf und sah aus dem Fenster. Aber dort gingen nur Leute hektisch ihren Wochenendeinkäufen nach.

„Entschuldigung, ich wollte Sie nicht beleidigen“, sprach Elias auf Gut Glück in seine leere Küche hinein. Die rasselnde Stimme verstummte.

„Was ist Ihnen passiert?“, setzte Elias nach.
„Ah…“, hub die Metallstimme wieder an, die mittlerweile schon etwas geschmeidiger als zu Beginn klang, so als hätte die Stimme aus Mangel an Gebrauch erst eine Weile gebraucht, um warm zu werden. „Der Herr kann uns hören… na schau mal einer an…“

Elias fuhr herum und lief ins Nebenzimmer. Aber auch dort fand er keine Menschenseele vor. Er stieß die Badezimmertür auf und lugte hinein, ohne Erfolg. Die gesamte Wohnung schien leer zu sein. Dennoch hörte er die Stimme, die immer mehr in Fahrt kam, munter in der Küche fortpalavern.

„Beobachtungsgabe gleich Null, würde ich sagen… aber über andere gleich urteilen wollen. Das hab ich besonders gern…“

Elias hetzte zurück in seine Küche, denn von dort schien die Stimme eindeutig zu kommen.
„Hallo?“ rief er laut hinein. „Ist da jemand?“
Elias näherte sich langsam dem Küchentisch. Die Stimme klang ganz nah. Ein heiseres Kichern erklang.

„Direkt vor deiner Nase, Blechschädel,“ blubberte es amüsiert. Elias Augen suchten den Tisch ab. Sein Blick blieb auf dem Teekessel haften, der wahrhaftig leicht vor sich hinvibrierte, so als würde ihn ein unterirdischer Lachkrampf schütteln. Und der heiße Wasserdampf, der seinem Ausguss entströmte, formte sich dabei zu grinsenden Mündern, die in Richtung Decke zogen. Elias blieb der Mund ungläubig offen stehen.

„Wie wäre es, wenn du mal ein bisschen herumkommst? So kann ich dich gar nicht richtig sehen,“ schlug die Stimme in einem freundlicheren Tonfall vor.
Elias fuhr sich über die Augen und blinzelte ein paar Mal ungläubig. Als die Stimme eben gesprochen hatte, schien sich die Tüllenöffung des Teekessels wie ein Mund bewegt zu haben. Langsam, ohne die Augen von der Kanne zu nehmen, bewegte sich Elias Stückchen für Stückchen um den Tisch. Und mit jedem Zentimeter enthüllte sich ihm das Unfassbare. Als er den Kessel gereinigt hatte, waren ihm links und rechts von dem Ausguss zwei tiefe Kerben eingefallen, die er für einen Teil der ziselierten Verzierungen gehalten hatte. Diese waren nun aber vergrößert und in den Schlitzen, die sie jetzt offenbarten, funkelte ihn ein Augenpaar mit metallischem Glanz an.

„Ah…,“ bewegte sich der Tüllenmund. „Jetzt ist der Groschen gefallen… Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Zisch.“ Der Ausguss der Kanne bewegte sich ähnlich einem Elefantenrüssel und machte eine elegante Schnörkelbewegung. Dabei kippte der Kannendeckel hoch, so als würde er sich untertänig vor Elias verneigen wollen.

„Hey…,“ gab Elias perplex zurück. „Ich bin Elias…“
„Sehr erfreut,“ schnarrte der Kessel und senkte den Deckel zurück in die Ausgangsposition. „Wie ich hörte, sagt euer Gnaden mein Pfeifen nicht zu,“ fügte er ironisch hinzu.
„Na ja…,“ versetzte Elias und ließ sich auf den Küchenstuhl vor dem Tisch fallen, der immer noch nicht fassen konnte, dass er sich mit einem Teekessel unterhielt. „Nichts für ungut, aber das Geräusch, was du da vorhin… also das… das war schon…“, stammelte Elias.
„Wenn ich du wäre, würde ich vorsichtig meine Worte wählen,“ kreischte der Kessel zurück mit einer Stimme, die nach kratzenden Nägeln auf einer Kreidetafel klang und Elias Nackenhaare zu Berge stehen ließen.
„Ich habe noch etwas kochendes Wasser in mir und ich scheue mich nicht, es gegen dich einzusetzen.“

Seine Metallaugen verengten sich zu zornig funkelnden Schlitzen. „Einstmals war ich berühmt für die schönen Melodien, die ich pfeifen konnte. Ich war einzigartig darin und meine Besitzer stellten mich oftmals nur auf Feuer, um meinem Gesang zu lauschen! Der Tee kam an zweiter Stelle“, zeterte Zisch wie eine Maschine, der Überhitzung droht. Passend dazu hatte sich der Wasserdampf aus seinem Hals in eine heftig dampfende Fontäne verwandelt.

„Schon gut, schon gut…“, versuchte Elias seinen metallenen Gast zu beschwichtigen. Gleichzeitig ratterten in seinem Kopf seine Gedanken wie es zu dieser eigenartigen Halluzination kommen konnte. Er fühlte sich wie in einen aberwitzigen Disney-Abklatsch hineingeworfen.

„Nichts ist gut,“ hub der Kessel indessen erneut an. „Als mein letzter Besitzer verstarb und seine nichtsnutzige Verwandtschaft mich einfach in den Müll geworfen hatte. IN DEN MÜLL!!!“, fauchte er wütend. Dann änderte sich seine Stimme schlagartig und wurde zu einem traurig-kehligen Gurgeln. „Der Schock war so groß. Und ich vergaß alles, was ich einst wusste. Zum Glück fischte mich ein Obdachloser aus dem Abfall und verkaufte mich an den Trödler. Aber das ist ein schwacher Trost…“ Die Metallkanne fuhr noch in ihren Ausführungen fort, aber Elias Gedanken schweiften ab.

„Vielleicht,“ dachte er bei sich, „wenn ich mich genügend konzentriere, höre diese Fata Morgana auf zu existieren. Es ist nur eine Frage der gedanklichen Anstrengung. Ich muss mich einfach genügend konzentrieren. Diese Begebenheit ist nicht wirklich. Das alles geschieht nur in meiner Fantasie. Ich sitze gerade allein in meiner Küche und trinke Tee. Das ist alles nur ein verrückter Tagtraum.“

„Hey!“ riss der Teekessel ihn aus seiner Meditation, indem er ihm etwas heiße Wassertropfen auf den Handrücken spritzte. „Hörst du mir zu?“

Elias blickte ihn erschrocken an, als würde er ihn zum ersten Mal betrachten. Die metallenen Augen glimmten ihn immer noch an und die Tülle gestikulierte wie ein kleiner Arm die gesprochenen Worte. Elias drückte die Augen fest zusammen, um sie danach erneut zu öffnen. Doch der Anblick, der sich ihm bot, blieb unverändert. Der Kessel starrte ihn abschätzig an.

„Was denn? Glaubt Monsieur, man kann sich mich einfach aus dem Kopf schlagen?“ knirschte der Kessel in sarkastischem Ton. Er blickte ihn prüfend an. „Na, ich will nicht zu harsch sein. Ist vermutlich erst einmal schwierig, sich damit abzufinden.“
Elias nickte hilflos auf dieses merkwürdige Wesen auf seinem Küchentisch herab, woraufhin die Kanne einen mitfühlenden Ton anschlug. „Vielleicht legst du dich noch einmal hin und schläfst noch ein bisschen.“
Elias stand gehorsam auf und trottete benommen in Richtung seines Schlafzimmers. Hinter sich hörte er immer noch die blecherne Stimme: „Wir reden später weiter.“

Er zog die Zimmertür hinter sich zu, kroch in sein noch ungemachtes Bett und wickelte sich bis zu den Haarspitzen in seine Decke ein. Er schloss die Augen und winkelte fest die Beine an. Wenig später schlief er ein.

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