Lauscher an der Kulissenwand

Das Deutsche Theater ist ausverkauft, wie schon seit Wochen wenn René Polleschs Stück „(Life on earth can be sweet) Donna“ auf dem Spielplan steht. Zunächst herrscht einige Minuten Irritation bei den Zuschauern, gibt doch das von Anna Viebrock gestaltete Bühnenbild nur bruchstückhafte Einblicke in den Bühnenraum frei. Doch dann treten die Schauspieler aus den Bretterwänden hervor, um über ihre Schauspielerkarrieren, performative Theorien und vor allen Dingen das epische Theater von Bertolt Brecht zu fachsimpeln. Schnell dreht sich das Gespräch im Kreis, anders als die Drehbühne, die zu Beginn scheinbar defekt unkontrollierbar von einer Seite zur anderen ruckelt. Die Schauspieler schaukeln auf der Bühne mit und behaupten hinter der Bühne zu sein. Sie verwundern sich noch, warum das Publikum auch dort anwesend ist, das doch eigentlich da nichts verloren hätte. Alle berühmtberüchtigten Elemente des epischen Theaters von Brecht werden im Laufe des Abends nicht nur in Endlosschleife besprochen sondern auch immer wieder exerziert. Auf die Spitze getrieben wird das Ganze durch die Nachstellung der berühmten Straßenszene, wo in Polleschs Version die drei männlichen Darsteller in niedlichen Pappautos verpackt drauflos schwadronieren. Dort findet sich auch die einzige Referenz zu Donna Haraways Text „Unruhig bleiben. Die Verwandlung der Arten im Chthuluzän“, auf die sich der Titel des Stückes beruft, stolz ausgerufen Martin Wuttke mit den Worten: „Ich bin kein Performer sondern Transformer.“ Warum es bei dem winzigen Versatzstück von Haraway geblieben ist, kann man nur spekulieren. Pollesch ist bekannt dafür, seine Texte im Verlaufe des Probenprozesses an Vorschläge aus dem Schauspielerkollektiv anzupassen. Und da hat anscheinend Brecht obsiegt. Dafür agiert das Ensemble mit einer immensen Spielfreude, die das Publikum ohne Probleme von Beginn an mitreißt. Vor allen Dingen tut sich neben Martin Wuttke Milan Peschel hervor, der mit ganzem Körpereinsatz sich und den Theaterbetrieb auf die Schippe nimmt. Bei aller typisch sprachlichen Gewalt von Pollesch darf man allerdings kein gesellschaftsaufrüttelndes politisches Theater à la Brecht erwarten. Es ist zum guten Schluss wie mit der irgendwann funktionsfähigen Drehbühne – es dreht sich hier alles um sich selbst und wir drehen uns dabei mit.

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