The Berlin Make Over

Noch 2003 verkündete der ehemalige Bürgermeister Klaus Wowereit in einem Interview mit Focus Money, dass seine Heimatstadt Berlin zwar „arm, aber sexy“ sei. (focus).
Er ist nicht der einzige Politiker, der sich gerne mit dem kreativen Potential von Berlin schmückt, aber nicht bereit ist, schützend einzugreifen, wenn genau dieses Gut bedroht wird. Zunächst begann das kulturelle Facelifting Berlins schleichend, angeführt 2012 von der Räumung des Tacheles sowie der wesentlich stiller von statten gehenden Entlassung sämtlicher Künstler des Kollektivs LA54 aus der alten Schultheiß-Brauerei. Seitdem hat die Entwicklung gewaltig an Fahrt zugenommen. Das Tacheles samt umliegender Brache stand viele Jahre ungenutzt herum, während mehrfach der Besitzer wechselte. Nun soll aber Ernst gemacht werden und die Baukräne endlich anrollen. Der gegenwärtige Besitzer des Grundstückes in der Landsberger Allee, die Patzendorfer GmbH, scheint nun ebenfalls voller Tatendrang. Diese ließ bereits verlauten, man könne sich gut vorstellen, wieder ein Teil des Geländes an Künstler zu vermieten. Offensichtlich war das eine Reaktion auf die kurzzeitige Besetzung des Geländes durch Künstler im vergangenen Jahr. Allerdings erklärte die GmbH auch die Nutzung als Hotel, Büros für Start-Up-Unternehmen, Gastronomie oder ein Ärztehaus seien durchaus möglich. (tagesspiegel)

Ganz so schwammig hält man es bei den Plänen rund um das Tacheles nicht. Ein Stadtquartier soll hier entstehen. 275 Eigentumswohnungen sind geplant sowie zahlreiche Büros auf stattlichen 41.500 Quadratmetern. Zusätzlich sind 12.000 Quadratmeter für den Einzelhandel vorgesehen. Diese Bauten dürften eine gewaltige Typveränderung für die Berlins Mitte bedeuten. Das Projekt soll voraussichtlich 2023 fertig gestellt werden. (morgenpost)
Als positive Entwicklung ist die Eröffnung des „House of Music“ in der ehemaligen Radsatzdreherei auf dem historischen RAW-Gelände in Friedrichshain benennen. Dort ist ein neuer kreativer Raum mit modernen Proberäumen geschaffen worden. Es werden Workshops und Meet-ups (Music Pool Berlin) organisiert sowie Musikstudiengänge mit eigenen Auftrittsmöglichkeiten durch das BIMM Institute Berlin ermöglicht. (tagesspiegel)

Des Weiteren konnte in Lichtenberg dank des Eingreifens vom Berliner Senat der Bestand des „Rockhauses“ in Berlin-Lichtenberg für weitere 20 Jahre sicher gestellt werden. (rbb24.de)

Ansonsten brennt es aber an allen Ecken und Enden. Was mit dem restlichen RAW-Gelände geschehen soll, ist nach wie vor unklar. 2019 stieg die „Berliner Mietergemeinschaft e. V.“ auf die Barrikaden, als Pläne des Bezirks Friedrichshain offenkundig wurden, alle Gebäude bis auf die denkmalgeschützten Häuser an der Revaler Straße und rund um den Kletterturm abzureißen. (bmgev.de)

Es steht damit zu befürchten, dass die Bausünden, die rund um den S-und U-Bahnhof „Warschauer Straße“ entstanden bzw. noch im Entstehen begriffen sind, weiter fortgeführt werden. Von dem Verlust an Kunst und Kultur im Bezirk ganz zu schweigen.
Das Trauerspiel geht leider auch im benachbarten Bezirk Kreuzberg weiter. Dem Literaturzentrum „Lettrétage“ am Mehringdamm soll gekündigt worden sein, so berichtete bei der Veranstaltung „Konzept Feuerpudel“ der Moderator Diether Kabow im Februar. Auch dem KitKat und dem Sage-Club droht ein ähnliches Schicksal im Sommer, falls sich die Betreiber nicht mit dem Investor aus München zu einigen verstehen. (tagesspiegel)

Das frühere Postgebäude in der Skalitzer Straße, wo der Privatclub seit mehreren Jahren sein Domizil hat, wurde, wie es den Anschein hat, von den Samwer-Brüdern akquiriert, die daraufhin gleich die Miete verdoppeln wollten. Bisher scheint sich Clubbetreiber Norbert Jackschenties noch tapfer am alten Standort halten zu können. (tagesspiegel)

Die Samwers haben in den vergangenen Jahren nicht nur ihr Zalando-Hauptquartier in Friedrichshain aufgeschlagen, sondern auch reichlich Immobilien in Berlin eingekauft. Darunter befinden sich so markante Objekte wie der Admiralspalast in Mitte und das berühmte Ullsteinhaus im Tempelhofer Bezirk. Ihre Käufe lassen sie dabei über eine ihrer diversen Unterfirmen laufen. (zdf)

Eine davon, Augustus Capital, hat im Wedding das Areal der Uferhallen erworben. Dieses beherbergt im Moment noch diverse Ateliers, in denen namhafte Künstler wie Monica Bonvicini, Katharina Grosse, Manfred Peckl und Wolfgang Ganter ihre Werke produzieren. Seit der Übernahme des Geländes durch den neuen Besitzer haben die Künstler versucht, verstärkt auf ihre Lage durch selbstorganisierte Ausstellungen aufmerksam zu machen. (tagesspiegel)

Auch einen Verein haben sie gegründet, alles in der Hoffnung mit vereinten Kräften ihre Wirkungsstätte erhalten zu können. Denn auch wenn Augustus Capital sich den Anschein gibt, offen für eine weitere künstlerische Nutzung zu bezahlbaren Mietkonditionen zu sein, so ist doch das Misstrauen der Künstler groß. Wem die Geschäftstaktiken der Samwer-Brüder bei ihrer Firma Rocket Internet oder dem Modeversand Zalando bekannt sind, weiß, die Geschwister gelten alles andere als zimperlich, wenn es um die Umsetzung ihrer profitablen Ziele geht.

Berlin war immer eine Stadt im Wandel. Nach dem Fall der Berliner Mauer nahmen die Menschen vieles selbst in die Hand und gestalteten aktiv ihren Lebensraum mit. Diese neueren Entwicklungen mögen manches Positives in sich tragen, aber sie bergen auch das Risiko einer von außen aufgezwungenen Schönheits-OP von Berlin. Es bleibt zu hoffen, dass am Ende nicht nur blankes Entsetzen bleibt, wenn die Bandagen abgenommen werden und man sich beim Blick in den Spiegel nicht mehr wiedererkennt.

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