Ein Tropfen Heimat

“Nein, kommt nicht in Frage!” Mit diesen Worten schob die Mutter ihren Küchenstuhl zur Wand und kreuzte die Arme über der Brust.
“Auf keinen Fall lasse ich meine Tochter allein in die Fremde. Die Familie hat zusammen zu bleiben.”
“Aber Mutter,” begütigte Walter, ihr Ältester, der zu ihrer Linken saß. “Wir müssen hier einfach klarsehen. Seit die Textilfabrik in Feldkirch abgebrannt ist, braucht es einfach momentan nicht so viele Heimarbeiterinnen. Und keiner weiß, ob die jemals wiederaufgebaut wird. Wir haben Glück, dass Friederike auf dem Hof von Lechtalers untergekommen ist und Käthe noch für die Zweitfabrik gebraucht wird. Es sind einfach zu wenige Arbeitsplätze in der Gegend vorhanden. So kann es nicht weitergehen.”
Die Mutter wusste, dass er recht hatte, aber leicht beigeben wollte sie nicht.
“Was meinst denn du dazu, Ottilie?”
Mutter Dörner schaute zu ihrer ältesten Tochter hinüber.
Ein fünfzehnjähriges Mädchen mit dicken braunen Locken, leichtem Silberblick und kräftigen Händen, die behände, während der Familienrat tagte, Strümpfe für die Jüngsten der vierzehnköpfigen Familie stopfte. Diese blickte von ihrer Arbeit auf.
“Nun, ich traue es mir schon zu. Und ich wäre ja nicht ganz allein. Die Familie Widmann geht auch weg, alle miteinander. Sie meinten, in Akron gibt es viele Harder und Arbeit gibt es auch. Man verdient viermal so viel wie hier, sagen sie.” Ottilie versuchte, ihre Stimme ruhig und fest klingen zu lassen, aber in ihrem Inneren schaute es ganz anders aus. Einerseits lockte sie das Abenteuer, andererseits war ihr bei dem Gedanken, allein auf Reisen zu gehen, ganz schön bange. Die Mutter wiegte nachdenklich den Kopf.
“Nun gut,” lenkte sie ein. “Aber wie wollen wir das Geld für Ottis Überfahrt zusammenkriegen? Das ist keine Kleinigkeit.”
“Wir haben noch ein bisschen von der letzten Apfelernte über,“ versetzte Walter. “Friederike meint, sie könne vielleicht zusätzlich ein paar Näharbeiten bekommen. Ottilie wird ihr helfen. Und wenn wir noch eine Kuh verkaufen, könnte es hinkommen.”
“Eine Kuh!”, rief die Mutter und sprang vom Stuhl auf. “Bist du völlig übergeschnappt?”
Walter legte ihr begütigend die Hand auf die Schulter.
“Ich weiß, das sieht jetzt erst einmal arg aus, Mutter. Aber wenn die Widmanns recht haben, hat die Otti das Geld da drüben schnell wieder hereingeholt und kann uns etwas davon herüberschicken. Und wenn alles gut läuft, kommen bald einige von uns nach. Wir müssen es versuchen.”
Die Mutter gab sich geschlagen. Schwer ließ sie sich zurück auf ihren Stuhl sinken.
“Also gut. Dann soll es so sein. Ich rede gleich morgen mit Frau Widmann, dass sie ein Auge auf Otti haben soll während der ganzen Geschichte. Zumindest bis sie in Akron angekommen sind.”

Nach diesem Gespräch gingen noch etliche Monate ins Land. Aber eines Tages legte Walter die gekauften Fahrkarten beim Abendbrot auf den Tisch – eine Zugfahrt nach Bremen und eine Überfahrt von dort nach New York. Ottilies Herz klopfte ganz fest, als sie die Papierstücke sah. Bis dahin war das Ganze nur ein Hirngespinst gewesen. Nun war es in greifbare Nähe gerückt.
Der Bruder blickte sie an. “Otti, nun wird es ernst. Wir zählen auf dich.”
Ottilie nickte. “Es wird schon werden,” gab sie zurück. Später, als der Tisch abgedeckt und die Kleinen in ihre Betten gekrochen waren, auch die Mutter hatte sich zurückgezogen, stahl Otti sich leise aus dem Haus und an den Bodensee runter. Still stand sie mit geschlossenen Augen am Ufer und fühlte den altvertrauten Wind über ihr Gesicht streichen. Sie atmete tief durch, öffnete ihre Augen und starrte in die Dunkelheit hinaus. Hier war sie aufgewachsen, am Wasser. Als Kinder hatten sie hier gespielt, wann immer es die Arbeit zuließ und auch später war sie jede freie Minute runter gekommen, um etwas Ruhe zu finden. Ottilie zog aus ihrer Schürzentasche ein kleines Fläschchen, das einstmals eine Ohren-Arznei für den kleinen Josef enthalten hatte. Damit hockte sie sich ans Ufer und füllte den Behälter mit Seewasser.
‘Damit ich immer einen Tropfen Heimat bei mir habe’, dachte sie bei sich. Sorgfältig verkorkte sie die Flasche sorgfältig und ließ sie zurück in die Tasche gleiten. Dann zog sie das Schultertuch fester um sich und ging zurück zum elterlichen Hof.

Ein paar Tage später stand Ottilie am Bahnhof und wartete auf die Familie Widmann, die mit ihr reisen sollte. Ihre Familie hatte sich vor dem Haus von ihr verabschiedet. Die Mutter hatte ihr ein paar Kronen, die sie extra gespart hatte in den Saum ihres Unterrocks genäht. “Als Notreserve”, hatte sie ihr gesagt.
Die Familie Widmann traf ein und kurze Zeit später der Zug, der sie gemächlich ruckelnd nach Bremen brachte. Dort angekommen, eilten sie gleich zu der Reederei, bei der sie ihre Überfahrt nach New York gebucht hatten. Wenige Stunden später brachte sie ein Transport zu einem Lager unweit der Ablegestelle. Ottilie hatte in ihrem Leben noch nie so viele fremde Gesichter gesehen. Bevor ihnen ihre Betten zugeteilt wurden, wurden sie ärztlich untersucht und bekamen Marken für die Essenausgabe. Am Abend gab es für jeden eine Kelle Steckrübeneintopf und einen kleinen Kanten Brot. Als das Licht in dem großen Schlafsaal gelöscht wurde, lag Ottilie noch lange wach und dachte an ihren kleinen Bruder Josef, der ihr zum Abschied hinterhergerufen hatte, dass sie auf sich aufpassen solle und dass sie bestimmt einen Cowboy heiraten würde. Die Passagiere mussten einige Tage in der Lagerhalle zubringen, bis das Dampfschiff zur Abfahrt bereit war. Doch schließlich kam der Tag der Abreise. Der Kai vor der hohen Metallwand des Schiffes wimmelte von Leuten. Oben am Steg stand ein Herr mit strengem Gesicht und verlas laut die Namen der Reisenden in alphabetischer Reihenfolge. Frau Widmann nahm ihre Hand.
“Mach dir keine Sorge, Otti. Wir finden uns wieder, wenn wir auf dem Schiff sind.”
Da tönte schon ihr Name herüber. Sie nahm ihr Bündel und zwängte sich nach vorne.
“Dörner, Ottilie”, fragte der Mann nach. Sie nickte.
“Zwischendeck, Bett Nr. 425 C”, schnarrte der Herr zurück. Sie lief den Steg zum Schiff hoch und blickte sich suchend um. Eine beleibte Frau lief an ihr vorbei.
“Was suchst du denn?”, rief sie Ottilie gutgelaunt zu. “Zwischendeck, Nr. 425 C”, wiederholte Ottilie die eben gehörten Worte.
“Gleich da drüben rechts und dann immer geradeaus”, schrie die Frau über ihre Schulter hinweg und war verschwunden, bevor Otti sich bei ihr für die Auskunft bedanken konnte. Sie betrat einen fensterlosen Raum, der mit Betten vollgestopft war. Sie lief durch den engen Mittelgang bis sie schließlich die Reihe mit ihrem Bett fand. Es war das Oberste. Sie krabbelte in ihr Bett hoch, machte es sich, so gut sie konnte, bequem und schaute zu, wie immer mehr Menschen in den Raum strömten und die ihnen zugewiesenen Schlafplätze besetzten. Sie hatte dort wohl schon einige Zeit verbracht, als sie Frau Widmann am Eingang entdeckte, die mit ihren Augen den Raum absuchte.
“Hier bin ich”, rief sie und riss schwenkend die Arme empor. “Otti, komm, lass uns zusehen, wie das Schiff aus dem Hafen fährt.”
Gemeinsam traten die Frauen an die Reling, wo schon der Rest der Familie Widmann versammelt war. Ottilie spürte, wie die Maschinen anliefen und ein Ruck durch das Schiff ging. Als das Schiff Fahrt aufnahm und den Hafen verließ, blickte sie nicht zurück. Stattdessen schaute sie auf das offene Meer hinaus, irgendwo in die Ferne, wo ihre neue Heimat liegen musste. Ihre Hand tastete währenddessen nach dem versteckten Wasserfläschchen in ihrer Tasche.

Die Überfahrt in dieser Sardinenbüchse dauerte drei Wochen, eingesperrt mit fremden Menschen, während die Wellen sie tüchtig hin und her schaukelten. War die Fahrt Ottilie anfangs als großes Abenteuer erschienen, sehnte sie sich nun danach anzukommen. Frau Widmann hatte die Seekrankheit bös erwischt. Sie konnte sich darum nicht viel um Ottilie kümmern. Diese schlich sich stattdessen heimlich, wann immer es ihr möglich war, mit den Widmann-Buben ans Deck, um den tanzenden Wellen zuzuschauen.
Eines Morgens blökte der Ausguck endlich durch ein großes Sprachrohr, dass die Freiheitsstatue in Sicht war. Aufgeregt packte Ottilie ihre Siebensachen zusammen und fühlte nach, ob der Notgroschen der Mutter noch sicher im Rocksaum verwahrt war. Diese Geste war ihr in den vergangenen Wochen zur zweiten Natur geworden, denn bei etlichen Leuten waren schon Wertgegenstände weggekommen. Sie feuchtete einen kleinen Lappen, den sie fand, mit Spucke an und rieb ihn sich über die Backen. Danach setzte sie sich ihr Kopftuch auf und band die Enden straff unter dem Kinn zusammen. Sie wollte einen guten Eindruck auf die Amerikaner machen.
Als das Schiff endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, an der Landungsstelle anlegte, konnten die Passagiere kaum noch ihre Ungeduld bezähmen. Kaum war Zugangsbrücke angelegt, gab es kein Halten mehr. Unten angekommen, wurden die Passagiere in Reihen aufgeteilt, rechts die Männer, in der Mitte die Frauen und die Kinder links daneben. Nacheinander wurde ein jeder von ihnen nach Krankheiten untersucht. Ein Arzt inspizierte Ottilies Augen gründlich. Er schien sich seiner Sache nicht sicher zu sein. Otti bekam einen Schreck.
Was wäre, wenn sie wegen ihrem Silberblick zurückgeschickt wurde? Nach Minuten, die Otti endlos erschienen, winkte er sie schließlich weiter. Erleichtert ging Ottilie zu dem nächsten Pult, hinter dem ein älterer Mann die Namen der Ankömmlinge notierte. Er würgte ihr irgendwelche Laute entgegen, die keinen Sinn zu ergeben schienen.
“Bitte?”, fragte Ottilie schüchtern nach. Der Herr gurgelte etwas Ähnliches hervor, nur etwas langsamer. Hilfesuchend blickte Ottilie sich um. Ein kecker Bursche aus der Nebenreihe schrie zu ihr herüber: “Dein Name, Mädel! Er will deinen Namen wissen.” “Dankeschön!”, rief Otti zurück.
“Ottilie“, wandte sie sich an den Beamten. “Ottilie Dörner.” Dieser kritzelte etwas auf seine Liste, stempelte ein Papier, das er ihr reichte und schob sie Richtung Ausgang. Ottilie blickte auf den Zettel in ihrer Hand. Dort stand “Tilly Dorn”. Sie wollte schon auf der Stelle kehrt machen, um den Irrtum aufzuklären, aber da kam der Bursche, der ihr vorhin geholfen hatte und grinste sie verschmitzt an.
“Haben sie deinen Namen auch verhunzt?” Ottilie nickte.
“Mach dir nichts draus. Neuer Name, neues Glück.”
Sie überlegte kurz und entschied, dass der Name erst einmal nicht so wichtig war. Sie hatte wieder festen Boden unter den Füßen und war in Amerika. Alles Weitere würde sich schon finden.
Am nächsten Morgen wurden sie und die Familie Widmann von Ellis Island, wo sie zunächst angekommen waren, mit einer Fähre nach New York gebracht. Noch nie hatte Otti so eine große Stadt gesehen. Mit Hilfe einiger englischer Sätze, die Ottilie sich von dem Burschen aus der Warteschlange hatte sagen lassen, fragten sie sich nach dem Hauptbahnhof durch und brachten es doch wirklich fertig, fünf Zugtickets für den gleichen Tag nach Akron zu kaufen. Für ihre Fahrkarte ging ein Gutteil des Rocksaumguthabens drauf.
Die Zugfahrt war lang. Erst am nächsten Tag erreichten sie erschöpft und mit steifen Gliedern ihr Reiseziel. Als Ottilie ausstieg, sah sie in der Ferne Wasser glänzen. Sie wandte sich an Karl, den Ältesten der Widmann-Brüder. “Was ist das?”, fragte sie und deutete auf das schimmernde Etwas.
“Das muss der Ohio-Erie-Kanal sein, der erst vor kurzem gebaut wurde”, sinnierte Karl.
Frau Widmann winkte ihnen ungeduldig zu. Sie wollte zügig zur Familie Albrecht weiter. Die Albrechts waren bereits vor Jahren aus Hard ausgewandert und wollten ihnen über die Anfangszeit helfen.
Aber Otti hatte andere Pläne. Nachdem sie mühselig Frau Widmanns Einwände beschwichtigt und sich die Adresse der Albrechts notierte hatte, machte sie sich allein auf den Weg in Richtung des Gewässers. Als sie schließlich am Ufer anlangte, schloss sie die Augen und spürte wie der Wind über ihre Haut streichelte. Sie zog die kleine Flasche mit Bodenseewasser aus der Tasche, öffnete sie behutsam und entleerte den Inhalt in den Kanal. Sie war daheim.

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