Der Galdralag-Schacht

Der Kardiologe Bernard Lown berichtet in seinem Buch „Die verlorene Kunst des Heilens – Anleitung zum Umdenken“ von einem sechzigjährigen Mann, der nach einem erlittenen Herzinfarkt auf der Intensivstation lag. Zwei Wochen nach dem besagten Vorfall ging es dem Patienten noch immer denkbar schlecht und Symptome wie Atemnot und Schwächegefühl verstärkten sich zusehends. Aber von einem Tag auf den nächsten ging es ihm überraschend bedeutend besser. Er konnte sogar auf die normale Krankenstation verlegt werden. Als Lown den Herrn ein halbes Jahr nach seiner Krankenhausentlassung wiedertraf, fragte er ihn, was seine Genesung so beschleunigt hatte. Der Patient erzählte ihm daraufhin, ein Arzt hätte ihm damals bei der Visite erklärt, dass sein Herz in einem „gesunden Galopp“ schlage. Ein Herzgalopp ist medizinisch gesehen ein schlechtes Anzeichen. Der Herzkranke aber, der die Aussage laienhaft interpretierte, zog einen gänzlich anderen Schluss daraus. Er sagte sich stattdessen: ‚Wenn mein Herz noch zu einem guten Galopp im Stande ist, dann kann es ja nicht so schlecht um mich bestellt sein‘.
Durch diese Annahme fühlte er sich schlagartig besser und die Besserung trat sowohl subjektiv als auch objektiv ein.[1]
Man mag über die Wirkung von einer Handvoll Worte verblüfft sein. In vergangenen Zeiten waren allerdings viele Menschen fest von der Macht der Worte überzeugt. In verschiedenen Kulturen scheute man sich, Fremden seinen Namen preiszugeben, glaubte man doch, damit diesen Menschen Gewalt über die eigene Person zu verleihen. Heilkundige benutzten Zaubersprüche und sogenannte Galstereien, um Kranke von ihren Gebrechen zu befreien. Und noch heute glauben viele Menschen an das Besprechen von Warzen und dergleichen.

Bei meiner Mutter war ein Krebsleiden festgestellt worden und sie musste sich einer Chemotherapie unterziehen. Nach dem ersten Zyklus flog ich zu ihr, um sie zu unterstützen. Die Ärzte hatten uns erklärt, dass die erste Runde meistens recht gut vertragen würde, darum machte ich mir keine wirklich großen Sorgen um ihren Zustand. Natürlich war sie erschöpft und – wie alle Kranken – benötigte sie vor allen Dingen Zuwendung und etwas Ablenkung. Aus diesem Grunde bat sie mich am zweiten Tag nach meiner Ankunft, während sie eingekuschelt in ihre Kissen auf dem Sofa lag, ihr eine Geschichte zu erzählen. Ich nahm einen Schluck Wasser und begann:

Vor grauer Vorzeit lebte in Ruthenien ein orthodoxer Priester mit seiner Frau und seiner einzigen Tochter. Es war damals unüblich, dass man Frauen eine Bildung zugedachte. Aber da sie das einzige Kind war und der Vater ihre Intelligenz erkannte, brachte er der jungen Nastya schon früh das Lesen und Schreiben bei. Eines Tages allerdings geschah es nun, dass Tartaren von der Krim in die Gegend einritten und stehlend durch die Dörfer zogen. Neben Goldschmuck und anderen wertvollen Gütern raubten sie auch junge Burschen und Mädchen, um sie als Sklaven zu verkaufen. So erging es auch der unglücklichen Nastya, die eines Nachts von dem Hof ihrer Eltern entführt wurde. An Händen gefesselt musste sie nun hinter den Pferden der Tartaren bei Wind und Wetter herlaufen, Meilen über Meilen, Woche für Woche, bis die Reisegruppe ihr Ziel Konstantinopel erreichte. Dort boten die Tartaren ihre menschliche Beute auf dem Markt feil. Von Nastya erhofften sie sich keine großen Einkünfte, zu klein und unscheinbar wirkte sie. Nun wollte es aber der Zufall, dass just an diesem Tage ein Bediensteter des Sultans auf dem Markt erschien, um einige Sklaven für den Harem des Herrschers zu erwerben, darunter auch Nastya.

Nervös folgte sie dem fremden Menschen in ihr neues Heim, hatte sie doch haarsträubend obszöne Geschichten darüber gehört, was sich in einem Harem zutrug. Zu ihrer Überraschung stellten sich alle diese Erzählungen als unrichtig heraus. In Wahrheit stand die Mutter des Sultans dem Harem vor und trug dafür Sorge, dass ihr Sohn nicht zu viel Zeit mit nur einer Frau verbrachte, damit diese nicht vielleicht eine Vormachtstellung erhielt. Die Weiber, die ihm zugedacht wurden, wählte sie dabei mit großer Sorgfalt aus. Nastya, die von nun an Roxelane genannt wurde, fiel die Rolle einer schlichten Arbeitssklavin zu, welche die diversen Frauen und Konkubinen bediente und die Böden schrubbte.

Doch es kam eine Zeit, da weilte Sultan öfters als gewöhnlich im Harem. Er war von einer großen Melancholie befallen und schritt oft stundenlang ohne Unterlass in seinen Gemächern auf und ab. Seine Frauen und die Sultansmutter waren in großer Sorge um ihn. Sie ließen Musiker fröhliche Melodien aufspielen, schickten Diener nach exotischen Leckereien aus, um seinen Gaumen zu kitzeln, und luden berühmte Dichter ein, um seine Gedanken mit erlesener Poesie zu zerstreuen. Doch keines dieser Mittel schien zu fruchten. Nun trug es sich zu, dass eines Tages Roxelane mit einer Schale frischer Feigen in ein Gemach eintrat. Mit großem Erschrecken fand sie dort den Sultan vor. Er saß an einem Tischchen und hatte den Kopf müde auf die gekreuzten Arme gebettet. Seine Brust hob und senkte sich in schweren Seufzern. Roxelane stellte die Obstschale so leise sie vermochte auf ein Seitentischchen und wollte sich sofort wieder entfernen, als der Sultan ihrer Gegenwart gewahr wurde. Er hob den Kopf und sah verwundert die kleine, schmächtige Arbeitssklavin an, die vor ihm stand.
„Entschuldigt, mächtiger Herrscher“, stammelte Roxelane und zog sich gebeugten Haubes in Richtung Tür zurück, aber der Sultan hielt sie auf.
„Wer bist du?“, erkundigte er sich neugierig.
„Roxelane, mein Herr“, entgegnete furchtsam das Mädchen.
Zu ihrer großen Verwunderung bat der Sultan sie, sich zu ihm zu setzen.
„Ach, Roxelane, mir ist das Herz so schwer. Ich weiß nicht, warum. Ich habe alles und doch fehlt mir so viel. Nichts und niemand kann mir helfen.“
Roxelane überlegte kurz, dann schlug sie vor: „Darf ich euch eine Geschichte erzählen, mein Gebieter?“
Der Sultan betrachtete sie. Ihm gefiel, wie mutig das Mädchen ihm gegenübertrat. So nickte er als Antwort und lehnte sich behaglich zurück, um ihren Worten zu lauschen.

„Einst“, begann Roxelane, „lebte unweit von hier ein Bauer mit seiner Frau. Ihr Leben war hart, aber glücklich. Doch eines Tages ging die Frau wie immer zu dem Brunnen, wo sie tagtäglich Wasser zu holen pflegte und fand in diesem aufgrund der anhaltenden Sommerhitze nur eine kleine Pfütze vor. Sie blickte in die flimmernde Hitze, die sich in der Weite ausbreitete, und sah oben auf dem Berg die Umrisse eines weiteren Brunnens. Kurzentschlossen schwang sie den Krug auf ihren Kopf und machte sich auf den Weg, in der Hoffnung, dort mehr von dem kostbaren Nass vorzufinden.
Mühselig wand sich der Pfad nach oben und der Schweiß troff der armen Bauersfrau von der Stirn. Doch schließlich langte sie an dem Brunnen an. Sie beugte sich über dessen Rand und ihr Herz hüpfte vor Freude als sie den hohen Wasserstand bemerkte. Behände ließ sie ihren Krug an dem Seil herab und schöpfte Wasser. Doch als sie ihn wieder heraufzog, kam unbemerkt mit dem Wasser auch das Brunnengespenst in dem Krug mit herauf und fuhr in die Bäuerin ein, als diese das Gefäß oben in Empfang nahm.
Daraufhin schwelte der guten Frau der Kopf und ihr wurde ganz schwindelig zumute. Schwach ließ sie sich zu Boden sinken und lehnte ihren Rücken an den Brunnenrand, unfähig sich weiter zu rühren. So fand sie am Abend endlich ihr Mann, der die ganze Gegend besorgt nach seinem Weibe abgesucht hatte. Er hob seine Frau auf, die sich in Fieberträumen wand, und trug sie zu ihrer heimischen Hütte. Der Bauer war zu arm, um sich einen Arzt leisten zu können, aber er wusste von einer Heilkundigen im nächsten Dorf. Dorthin eilte er am nächsten Morgen und erzählte der Alten von seinem Kummer. Diese packte ein paar Kräuter in ihr Bündel und folgte ihm nach Hause. Sie untersuchte die fiebernde Frau gründlich und murmelte dabei einige Zauberworte, woraufhin sich das Brunnengespenst kurz in den Pupillen der Kranken zeigte. Die Heilerin, die es bemerkt hatte, sagte daraufhin zu dem Bauern: ‚Diesem Fall ist nicht mit Kräutern beizukommen. Deine Frau ist von einem bösen Geist besessen. Wir müssen ihn davon überzeugen, aus ihrem Leib wieder auszufahren.‘
Der Bauer kratzte sich ratlos am Kopf. ‚Wie sollen wir das anstellen?‘ fragte er die Alte.
‚Manchmal hilft eine Geschichte,‘ entgegnete diese.
Der Bauer zuckte bei ihren Worten hilflos mit den Achseln und versuchte sein Glück mit einer Erzählung über die Heirat seines Großneffen. Aber das Gespenst lachte nur hämisch und sah keinen Grund, von der Bäuerin zu lassen. Und die alte Heilerin sprach: ‚Wir brauchen eine stärkere Geschichte.‘
Und sie begann dann sogleich, das Märchen von den Zauberraben zu erzählen, aber das Gespenst gähnte nur gelangweilt und fing an, laut in dem Körper der Kranken zu schnarchen.
Und der Bauer sprach: ‚Wir brauchen eine stärkere Geschichte.‘
Daraufhin gingen sie in das Dorf und befragten die Bewohner, wer von ihnen gewillt sei, das Brunnengespenst mit einer Geschichte aus dem Körper der Bauersfrau herauszulocken. Und viele Mitleidige boten ihre Hilfe an.
Der Barbier des Ortes kam und erzählte davon, wie er einmal einem Kunden beinahe das rechte Ohr abgeschnitten hatte. Aber das Gespenst beeindruckte das in keinster Weise. Und der Barbier sprach, als er aus der Hütte trat: ‚Wir brauchen eine stärkere Geschichte.‘
Der Schmied kehrte ein und berichtete, wie ihn vor Jahren ein geheimnisvoller Reisender gebeten hatte, sein Pferd neu zu beschlagen. Und dieser sei danach mit dem Pferd durch die Lüfte davongeritten. Er habe es selbst mit eigenen Augen gesehen. Aber das Gespenst schnalzte nur unwillig mit der Zunge und ließ die kranke Bauersfrau mit den Lungen rasseln. Und der Schmied sagte, als er ging: ‚Wir brauchen eine stärkere Geschichte.‘
Der arme Bauer war schon ganz verzweifelt. Wie sollte er nur seine liebe Gemahlin wieder gesund machen?
Da sprach der Dorfvorsteher: ‚Frag den grimmigen Faruk, ob er dem Brunnengespenst eine Geschichte erzählen mag. Man sagt, er war Soldat und hat viel gesehen und erlebt.‘
So lief der Bauer zu dem Kriegsveteranen und schilderte diesem seine Not. Dieser lauschte mit zusammengekniffenen Augen und lachte dann voller Angriffslust.
‚Ich denke, ich habe die richtige Geschichte,‘ grummelte er zwischen seinen Zähnen hervor und schlug dem geplagten Bauern auf die Schulter. Gemeinsam kehrten sie zu der Kranken zurück.
Das Gespenst blickte ihnen furchtlos entgegen. Es war sich sicher, dass keine Geschichte der Welt es jemals aus dem Körper seines Opfers vertreiben würde.
Faruk setzte sich ans Lager der Kranken und besah sich gemächlich die Lage. In aller Ruhe trank er seinen Tee und kaute ein paar Datteln, bevor er zu seiner Erzählung ansetzte.“

In diesem Moment stürmte die Sultansmutter in den abgeschiedenen Raum, wo Roxelane und der Sultan saßen.
„Was hat das hier zu bedeuten?“ rief sie entsetzt und blickte verwirrt die unscheinbare Sklavin an, der ihr Sohn gefesselt zuhörte.
„Bitte, Mutter“, erwiderte der Sohn. „Lass sie weitererzählen. Gerade wird die Geschichte richtig spannend.“
Die ‚Valide Sultan‘ zog die Augenbrauen verblüfft hoch, aber ließ ihn gewähren, hatte sie ihren Sohn doch seit langem nicht in solch angeregter Stimmung gesehen. Sie ließ sich auf ein Sitzkissen nieder und beobachtete scharf die Sklavin. Diese setzte ihren Bericht ungerührt fort, ohne den argwöhnischen Blicken große Beachtung zu schenken.

„Der grimmige Kämpfer im Ruhestand hub also an: ‚Ich war schon lange Soldat unter meinem ehrwürdigen Herrscher gewesen und hatte tapfer für ihn gekämpft, um sein Reich zu vergrößern und seine Landesgrenzen zu festigen. Da sandte uns unser Gebieter eines Tages weit fort, in ein fernes Land, um die dortige Hauptstadt einzunehmen und unsere überlegene Stärke zu demonstrieren. Die Aussichten auf Erfolg waren vielversprechend, da die meisten gegnerischen Truppen bereits in einem südlichen Land einen anderen Krieg fochten. Somit blieb der Stadt zur Verteidigung nur ihre eigene Miliz sowie einige Söldner, die in aller Hast angeworben wurden, als man von unserem Anmarsch erfuhr.‘
Der schlaue Faruk warf einen schnellen Blick auf das Brunnengespenst, dem die Geschichte zuzusagen schien. Es hatte sich etwas aus dem Leib der Kranken erhoben und man konnte seine dunklen Gespensteraugen wissbegierig über dem Scheitel der Bettlägerigen flackern sehen. Aber Faruk tat so, als hätte er nichts bemerkt und fuhr mit seiner Erzählung fort.
‚Von unseren Spähern hörten wir, dass die Einheimischen eifrig versuchten, die Stadtmauern mit Erde zu verstärken und die Boote auf dem städtischen Fluss verbrannten, damit sie uns nicht in die Hände fielen. Ebenso meldeten sie die Positionierung von mehr als siebzig Kanonen gegen unsere Truppen und das Abreißen von Gebäuden außerhalb der Stadtmauern, um ein freies Schussfeld zu ermöglichen. Aber sie hatten nicht mit unserer Flinkheit gerechnet. Denn unsere Truppen trafen ein, bevor sie ihre Pläne vollständig umsetzen konnten.
Unser Heer umringte die gesamte Stadt und unser Befehlshaber sandte gleich darauf zwei gefangene Reiter zu dem Statthalter, um ihm die sofortige Kapitulation nahezulegen. Bei einer Weigerung, so wurde diesem ausgerichtet, würden wir mit unserem überlegenen Heer die Stadt erstürmen. Doch die Belagerten dachten gar nicht daran, unseren gutgemeinten Rat anzunehmen und schickten unsere Unterhändler mit einer Ablehnung zurück. Wir pfählten sie auf der Stelle.‘
Das Gespenst wiegte sich bei diesen Worten in Wohlgefallen hin und her. Diese Geschichte war ganz nach seinem Geschmack.
‚Dann wurde ein erster Angriffsplan erstellt. Er sah vor, dass wir ein Tor der Stadt, welches uns am schwächsten von allen Punkten im Befestigungswall erschien, unterminieren und mit unseren Geschossen befeuern sollten. Leider hatten wir auf der langen Anreise unsere schwersten Kanonen in Ungarn hinter uns lassen müssen, da die morastigen Straßen keinen weiteren Transport zuließen. Sonst hätte dieser Plan eine vernichtende Durchschlagskraft gehabt. Mit unseren leichten Kanonen konnten wir leider nicht so viel ausrichten, wie wir erhofft hatten.‘“

„Schämst du dich nicht, deinem Herrscher eine solche Geschichte zu erzählen“, schrie die Sultansmutter plötzlich auf. „Von einer Niederlage unseres Heeres? Wir unterliegen nichts und niemanden!“
Und sie wollte Roxelane ergreifen und aus dem Raum werfen. Aber der Sultan gebot ihr Einhalt.
„Genug, Mutter. Ich will den Rest ihrer Geschichte hören!“
„Aber Süleyman, ehrwürdiger Sohn, das ist keine Erzählung, um deine Stimmung zu heben. Was du brauchst, sind nicht gräuliche Geschichten über Geister und Kriege, sondern anmutige Gedichte über Blumen und Sonnenuntergänge“, begütigte seine Mutter.
„Ich habe genug von solcherart Gedichten, Mutter! Das Leben besteht nicht nur aus Blütenduft und malerischen Himmelserscheinungen. Ich will diese Geschichte hören und keine andere“, sprach der Sultan mit fester Stimme. „Also setz dich hin und sei still oder lass uns allein!“
Da die Sultansmutter sah, dass es ihrem Sohn ernst war, ließ sie von Roxelanes Arm ab, den sie zuvor mit festem Griff gepackt hatte. Zähneknirschend ließ sie sich wieder auf ihrem Platz nieder.
Mit einer einladenden Handbewegung forderte der Sultan Roxelane auf, ihre Erzählung fortzusetzen. Diese setzte sich ebenfalls und folgte seinem Wunsch:
„Faruk sprach:‚Ein neuer besserer Plan musste also her.‘
Das Gespenst züngelte anerkennend bei dieser Ankündigung mit seiner Zunge und wiegte sich noch vehementer zu beiden Seiten.
‚Wir erhielten Befehl, Tunnel unterhalb sämtlicher Stadtmauern zu graben. Unsere nichtsnutzigen Kanonen sollten zur Ablenkung weiterfeuern, damit die Belagerten nichts von unserem unterirdischen Treiben bemerkten. Mit Spitzhacken, Schaufeln und Schießpulver machten wir uns an die Arbeit und gruben uns in Richtung des Stadtkerns vor. Immer tiefer und näher drangen wir heran. Wir wussten, in wenigen Augenblicken mussten wir zu unserem Ziel durchstoßen. Dort angekommen, wäre es uns ein Leichtes, die nichtsahnenden Feinde zu überrumpeln und die Stadt uns zu eigen zu machen.‘
Das Gespenst war noch ein Stück mehr in die Höhe gestiegen, die glühenden Augen gebannt auf Faruk gerichtet.
‚Drei von uns klopften behutsam eine dünne Kellerwand auf, die wir als unseren Einstiegspunkt auserkoren hatten. Da wir zunächst nur mit erschrockenen Hausbewohnern rechneten, die uns nichts entgegenzusetzen haben würden, warteten wir entspannt auf den Durchbruch. Endlich war es soweit. Ein Loch tat sich auf, welches groß genug war, um es gebückt zu passieren.‘
Faruk machte eine bedeutungsvolle Pause und schaute in die Runde seiner Zuhörer: Dem Ehemann der kranken Frau, dem Dorfältesten, der ebenfalls andächtig lauschte und das Gespenst, welches vor freudiger Erregung zu zittern begonnen hatte.
‚Doch als unser erster Mann hindurchtrat, musste er mit Schrecken erkennen, dass wir von einer gegnerischen Truppe erwartet wurden. Ein Verräter in unserer Armee hatte den Besatzern unsere geheimen Pläne mitgeteilt. Diese hatten Wassereimer in den Kellern aufstellen lassen. Bei dem Lärm der Kanonen konnten sie unsere Sprengungen und Grabungen vielleicht nicht hören, aber sie brauchten nur die Wasseroberfläche beobachten und bei der leisesten Kräuselung wussten sie von unserer Ankunft und waren vorbereitet. Tapfer stellten wir uns ihnen entgegen, so gut es uns in dem engen Gang und dem niedrigen Kellergewölbe möglich war. Verbissen suchten wir, die Oberhand zu behalten und einige Male schien es auch so, als wollten wir obsiegen. Doch unsere Gegner waren nicht minder hartnäckig und erschlugen viele meiner Kameraden. Schließlich mussten wir einsehen, dass wir nicht den Sieg davontragen würden. Um nicht in Gefangenschaft zu geraten, zwängten wir uns behände durch das Einstiegsloch zurück in den Tunnel und während zwei unserer Kameraden die Angreifer mit allen Kräften abwehrten, gelang es dem kläglichen Rest unserer Mannschaft, den Tunneleingang wieder zuzuschütten.‘
Das Gespenst war vor lauter Ärger über den missglückten Angriff ganz grün angelaufen. Aber vor lauter Wut hatte es die kranke Bauersfrau nicht weiter mit Fieberkrämpfen geplagt und diese ruhig schlummern lassen.
‚Als wir ins Lager zurückkehrten, trafen wir auf andere Grabungseinheiten, denen es ähnlich ergangen war. Die Kämpfe der einzelnen Truppen dauerten noch bis in die frühen Morgenstunden an, jedoch leider ohne den ersehnten Erfolg. Nichtsdestotrotz wollten wir uns noch nicht geschlagen geben. Nur zehn Tage später unternahmen wir einen erneuten Angriff. Dieses Mal sprengten wir eine große Bresche in die Stadtmauer. Aber auch diese Unternehmung führte nicht zum Sieg. Obwohl unsere Feinde in der Minderzahl waren, kämpften sie doch mit allen Kräften und dem Mut der Verzweiflung. Die Verluste auf unserer Seite waren erheblich. Am selben Abend trat der Kriegsrat bei uns zusammen und da der Winter, der in diesen Breitengraden harscher als bei uns zu sein pflegt, bereits vor der Tür stand, wurde der Abbruch der Belagerung und der Heimzug unserer Armee beschlossen.‘

Bei diesen Worten stieß das Gespenst ein unmenschliches Geschrei aus. Außer sich vor Wut stieb es aus dem Körper der Bäuerin hervor, schüttelte seine durchscheinenden Fäuste und raufte sich das Gewand voller Unmut. Schließlich ging sein Ärger in eine solche Raserei über, dass es sich nicht anders zu helfen wusste, als aus dem Schornstein des Hauses und über die Felder davonzufliegen. Die Bauersfrau erwachte aus ihren Fieberträumen und schaute sich mit klaren Augen nach ihrem Mann um, der sie überglücklich umarmte. Voller Freude dankten sie dem Soldaten für seine Hilfe. Zum Lohn sicherten sie ihm für den Rest seiner Tage ein kostenloses Abendbrot in ihrem Hause zu. Das Gespenst wurde niemals mehr gesichtet. Aber wenn es stürmte, erzählten die Bauern ihren Kindern in den umliegenden Dörfern, es sei gewiss der Brunnengeist, welcher, noch immer erzürnt über den Ausgang der Kriegsgeschichte, durch die Wälder und Felder rase.“

Als Roxelane geendet hatte, herrschte Stille. Die Sultansmutter blickte ihren Sohn an und versuchte in seinem Gesicht zu lesen. Dieser nickte anerkennend der Arbeitssklavin zu.
„Das war eine gute Geschichte“, sprach er und stand auf. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, schritt er sinnend in Richtung des Fensters. Die Mutter bedeutete mit ihren Augen Roxelane, dass es nun an der Zeit sei, sich zu entfernen. Gehorsam rutschte diese von ihrem Kissen und wandte sich zum Gehen. Da drehte sich der Sultan abrupt zu den beiden Frauen um.
„Ich bin der Meinung, dass eine Frau mit solchen Fähigkeiten keine Fussböden putzen sollte.“
Er wechselte einen Blick mit seiner Mutter. „Sicher gibt es feinere Arbeiten, die sie verrichten könnte.“
„Wie du befiehlst, mein Sohn“, erwiderte diese ergeben.
Roxelane fasste sich ein Herz. „Mein Herr, wenn ich etwas erbitten dürfte?“
Der Sultan, der bedingungslosen Gehorsam gewöhnt war, empfand ihre unerschrockene Haltung als erfrischend.
Amüsiert fragte er zurück: „Sprich, was begehrst du?“
„Ich… ich habe gesehen, wie manche Damen im Harem in verschiedenen Künsten unterrichtet wurden. Sie lernen türkisch schreiben und lesen, nähen und sogar singen, tanzen und musizieren. Ich möchte auch gerne diese Dinge lernen.“
„Dämliches Ding“, schimpfte die Mutter. „Diese Frauen werden an hohe Würdenträger verheiratet. Wozu sollen diese Dinge für eine niedere Sklavin wie dich gut sein?“
Doch der Sultan hatte bei ihren Worten zu lächeln begonnen. „Von nun an sollst du keine Sklavin mehr sein, sondern eine freie Frau“, sprach er und winkte ab, als seine Mutter weitere Einwände erheben wollte.“Und du sollst die Erziehung erhalten, die du dir ersehnst.“
Roxelane konnte ihr Glück kaum fassen.
„Unter einer Bedingung“, fügte er hinzu. Roxelane blickte ihn ängstlich an.
„Du musst einmal die Woche mir eine Geschichte erzählen.“
„Selbstverständlich, ehrwürdiger Gebieter. Mit großem Vergnügen“, entgegnete sie erleichtert.
„Sehr gut“, sprach der Sultan erfreut. „Mutter, erlass alles Notwendige. Und sorg dafür, dass sie gleich eine gute Mahlzeit erhält.“
Er wandte sich zu der ehemaligen Sklavin um.
„Du musst hungrig sein nach dieser langen Erzählung.“
Er ergriff ihre beiden Hände.
„Ich danke dir für deine Geschichte. Sie hat mich für heute von meiner Schwermut befreit.“
Mit diesen Worten entließ er sie.

In den kommenden Wochen und Monaten lernte Roxelane gemeinsam mit den höheren Damen alles, was im Harem gelehrt wurde. Und jede Woche ging sie zur gleichen Zeit zum Sultan und erzählte ihm eine neue Geschichte. Manchmal bat er sie, ein zweites Mal zu kommen. Und als ein Jahr herum war, war Liebe zwischen den beiden gewachsen. Nicht lange danach ehelichte er Roxelane und änderte ihren Namen in Hürrem, was ‚die Freudvolle‘ bedeutet, hatte sie ihn doch endgültig von seiner Schwermut geheilt. Sie wurde seine Beraterin in allen politischen Fragen und die einflussreichste Frau im osmanischen Reich.
Jahre später sollte sich ein Teil der Geschichte, die sie ihm damals erzählt und die das Gespenst ausgetrieben hatte, als Prophezeiung herausstellen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

Als ich geendet hatte, lächelte meine Mutter. Sie hatte während meiner Erzählung die Augen geschlossen, um besser meinen Worten lauschen zu können. Denn keine Geschichte existiert wirklich, wenn sie nicht wahrhaftig gehört wird. Nun schlug sie die Augen auf, nahm meine Hand und sagte: „Danke!“
Ich küsste sie auf die Stirn und deckte sie zu. Bald darauf schlief sie ein.
Als ich später nach ihr sah, ging es ihr leider bedeutend schlechter. Ich telefonierte mit meinem Bruder, der das Krankenhaus anrief. Diese rieten uns, meine Mutter sofort wieder auf die Station zu bringen. Ich organisierte einen Krankentransport und packte erneut den Koffer meiner Mutter. Als wir im Krankenhaus anlangten, hatte meine Mutter hohes Fieber. Aber ich wusste, dass sie nun in guten Händen war. Ich machte mir nur Sorgen um die Zukunft, wusste ich doch, dass dies nur die erste Etappe war. Wenn es meiner Mutter bereits jetzt so schlecht ging, wie sollte es erst nach den nächsten zwei Zyklen Chemotherapie werden?
Nach drei Tagen musste ich zu meinem Job nach Berlin zurück. In meinem Kopf war mittlerweile der verzweifelte Plan gereift, meine Wohnung aufzulösen und meine Arbeitsstelle zu kündigen, um meine Mutter in den kommenden Wochen pflegen zu können. Doch es sollte nicht mehr dazu kommen.
Nur wenige Tage nach meiner Rückkehr erhielt ich morgens einen Anruf von meinem Bruder. Er berichtete, dass der Zustand meiner Mutter sich drastisch verschlechtert hatte. Sie war auf die Intensivstation verlegt worden. In großer Hast und mit Furcht im Herzen fuhr ich erneut zum Flughafen. Im Taxi, welches mich nach meiner Landung in Richtung Krankenhaus beförderte, erhielt ich die Nachricht, dass meine Mutter in ein künstliches Koma versetzt worden sei. Noch nie kam mir eine Taxifahrt so unendlich lang vor.
Im Krankenhaus angekommen, sprach uns der behandelnde Arzt erst einmal Mut zu. Unsere Mutter hatte sich eine Sepsis zugezogen, aber sie sei stark und eine Optimistin. Sie würde es schon bewältigen. Seine Worte konnten uns trotzdem die Bangigkeit nicht nehmen.
Nachdem wir lange am Krankenbett meiner Mutter gewacht hatten, beschlossen mein Bruder und ich zu seiner Wohnung zu fahren, um etwas zu schlafen. Am nächsten Morgen erreichte uns dann die Nachricht, dass es meiner Mutter schlechter ging. Als wir kurze Zeit später erneut auf der Intensivstation eintrafen, sprach derselbe Arzt vom Tag zuvor die gefürchteten Worte: „Sie wird es nicht schaffen.“
Worte sind mächtig, auf die eine oder andere Weise. Ich wünschte, meine Geschichte hätte meine Mutter retten können. Aber manchmal bleiben einfach nur Worte des Abschieds. Und so kam es, dass meine Mutter wenige Minuten, nachdem der Priester seine letzten Segnungen gesprochen hatte, von immer von uns ging.
Ihre Hinterlassenschaft an mich ist die Welt der Geschichten, eingeschlossen zwischen zwei Buchdeckeln. Und die Erinnerungen an die zahlreichen Gute-Nacht-Geschichten, die sie mir in meiner Kindheit vor dem Schlafengehen vorlas. Oder die Erzählungen, die ich ihr später, in der ersten Klasse, beim Kochen vortrug, um meine Lesekünste zu verbessern. Oder der bedeutungsvolle Moment in meinem Leben als sie mir ihren Bücherschrank zur freien Verfügung stellte und damit meine Liebe zu der Welt der Wortfantastereien endgültig besiegelte. So schrieb sie sich auf vielerlei Weise in meine Lebensgeschichte ein und wird darin weiterleben, bis auch mein letztes Kapitel vollendet sein wird.

[1] Stein, Rosemarie: „Das Wort, das Leben rettet“, unter: https://www.tagesspiegel.de/themen/gesundheit/das-wort-das-leben-rettet/377194.html (abgerufen am 31.12.2019).

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