Der siebte Tag (oder wie ein missglücktes Schulprojekt zur Erderschaffung führte)

Frustriert pfefferte G. seinen Rucksack auf den Boden.
„Hey G., bleib ruhig“, beschwichtigte ihn sein Kumpel S. „Irgendetwas wird dir schon einfallen. Du packst das.“
Heute waren die korrigierten Biologieklausuren ausgeteilt worden. G.s Note war denkbar schlecht ausgefallen, da er, anstatt vor den Prüfungen zu lernen, sich lieber mit vergnüglicheren Dingen beschäftigt hatte. Damit war seine Versetzung am Schuljahresende ernsthaft gefährdet. Frau Frigg, seine Biologielehrerin, hatte von ihm eine extra Projektarbeit gefordert, um die Note noch auszugleichen.
Eigentlich hatte sich G. auf ein unbeschwertes Wochenende, ausgefüllt mit Skateboard fahren und Videospiele zocken, gefreut. Das konnte er jetzt vergessen.
S.s Handy vibrierte. „Oh wow!“, rief er erfreut. „Herr Skuld nimmt uns morgen zum Paintball mit!“
„Na, dann viel Spaß“, grummelte G. säuerlich.
„Ach G., komm schon! Du hast doch danach noch massig Zeit, dir etwas auszudenken.“
Das war ein gutes Argument. G. nickte und ging mit S. in die Küche, um sich einen Snack zu holen.

Den übernächsten Tag saß G. schließlich an seinem Schreibtisch, den Kopf grübelnd in eine Hand gestützt, während er mit der anderen Grind von seinem Knie kratzte. Mutlos strich er sich durch die Haare und fegte dabei mit dem Ellenbogen einen Lutscher von der Tischplatte. Ein Zuckerschub würde ihm bestimmt beim Nachdenken helfen, überlegte G. Kurze Zeit später schlurfte er, heftig an dem Lolli lutschend, in seinem Zimmer herum. Dabei blieb sein Blick an dem leeren Aquarium in der Ecke hängen. Einstmals hatte sich darin eine muntere Gruppe von Guppys getummelt, bis G. beschloss, die Fische im Nachbarsteich auszusetzen. G. nahm den großen runden Lutscher aus dem Mund und betrachtete ihn. Im innersten Kern war ein Kaugummi verborgen, danach kam eine flüssige Schicht aus Himbeerbrause und über dem Ganzen pappte eine dichte Bonbonschale mit saurem Apfelgeschmack. In G. blitzte plötzlich eine Idee auf. Aber um diese umzusetzen, musste er den Lolli aufsparen. Also trocknete er ihn sorgfältig ab und entfernte anschließend den Pappstiel in der Mitte. Dann räumte er seinen Schreibtisch frei und stellte das angestaubte Aquarium vor das Fenster. Damit sollte es für heute genug sein, befand G. Befriedigt trottete er ins Wohnzimmer, um fernzusehen.

Am zweiten Tag feuchtete er das Bonbon wieder an und wälzte es in feinem Sand vom Spielplatz. Anschließend mischte er etwas Tonerde mit Eisenspänen – beides hatte er in der Schule stibitzt – und klatschte die Masse darüber. Die Prozedur wiederholte er mehrere Male bis der Lutscher zu einer stattlichen Kugel angewachsen war. Da hörte er seine Mutter zum Abendessen rufen und legte die Kugel zum Trocknen auf die Seite.

Am Tag Numero drei sammelte er auf dem Nachhauseweg fleißig Kiesel und Steinchen. Daheim angekommen klebte er diese mit Alleskleber auf seiner Tonkugel fest. Dann entwendete er einen Haufen Erde aus dem großen Blumenkübel auf der Terrasse und füllte damit die Zwischenräume aus. „Gar nicht übel“, dachte er bei sich und spritzte zum Abschluss Wasser aus der Blumenspritze darüber. Dann ging er raus, um mit seinen Freunden Fußball zu spielen.

Am nächsten Morgen bekam G. etwas Angst, dass ihm die Zeit davonlief. Flink klebte er Teile aus einem alten Star Wars Poster an die Rückseite des Aquariums, auf dem Sterne und entfernte Galaxien angedeutet waren. Danach ging er im gesamten Haus auf Materialjagd. Im Garten fand er eine alte Murmel, die er einsteckte. Unter der Waschmaschine im Keller stöberte er einen entlaufenen Golfball auf und in einer weiteren Ecke lugte ein abgeschrammter Tennisball hervor, der ihm ebenfalls hilfreich für seine Zwecke erschien. In der Bastelkiste seiner Mutter kramte er eine Holzperle und zwei größere Dekorationskugeln hervor. Und in der Garage entdeckte er nach einigem Wühlen einen halbplatten Plastikball aus Babyzeiten, etwas Maschendraht und einen scheußlich anzusehenden Volleyball.
Mit diesem Sammelsurium kehrte er in sein Zimmer zurück und machte sich sogleich an die Arbeit. Aus der Holzkugel bastelte er einen ganz passablen Pluto und den Golfball transformierte er in den Planeten Mars. Die Murmel hieß nun Merkur und den Babyball verwandelte G. mit Hilfe eines Reifes aus Maschendraht in Saturn. Der Volleyball hingegen musste für Jupiter herhalten. Und nachdem G. ein paar Modifikationen an den Dekorationskugeln vorgenommen hatte, erklärte er sie kurzum zu Neptun und Uranus.
Er war so in seine Werkeleien vertieft, dass seine Mutter mehrfach an seine Tür klopfen musste, um ihn ans Abendessen zu erinnern.
Kaum hatte er aber aufgegessen, flitzte er zurück in sein Zimmer, um die Planeten an ihre zugedachten Plätze im Aquarium zu hängen.
Danach war er von seiner Arbeitswut so erschöpft, dass er ohne Umstände ins Bett fiel und sofort einschlief.

Am nächsten Tag hatte sich sein Feuereifer merklich abgekühlt. Stattdessen besah sich G. etwas ratlos sein Konstrukt, unschlüssig, was er noch hinzufügen sollte.
Zum Glück kam später sein Freund S. vorbei, der sich G.s Kopfhörer ausleihen wollte, und lieferte den nötigen Denkanstoß.
„Na, ist doch klar. Jetzt musst du deine Erde noch irgendwie bevölkern.“
Das leuchtete G. ein, aber erst wollte er sich ein wenig stärken. Also schlurfte er träge in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Dort fiel sein Blick auf einen Rest Backhefe.
„Hefe lebt!“, dachte er freudig und grabschte sich das Päckchen.
Mit einem Schinkenbrot in der einen und der Hefe in der anderen Hand setzte er sich wieder zu seinem Experiment.
Kauend begann er die Hefe weich zu kneten und formte ein kleines Männchen. Aber als er die Skulptur auf die kleine Erdkugel stellen wollte, erschien sie ihm zu riesig für den Planeten. Kurz entschlossen trennte er also etwas vom Rumpf der Figur ab und knetete daraus noch eine zweite Puppe. Dann platzierte er beide Männchen auf ihrer neuen Heimat.
Er nickte zufrieden, aß sein Schinkenbrot auf und machte sich an seine restlichen Schulaufgaben.

Als er am Nachmittag des sechsten Tages aus der Schule kam und sein Blick auf den Glaskasten fiel, durchfuhr ihn ein furchtbarer Schrecken. Merkur, Venus und Co. hatten sich ineinander verhakt und schaukelten hilflos hin und her. An Stelle der Erde aber hing nur ein abgerissener Faden in der Luft. Entsetzt lief er in den Garten und rief den Familienhund: “Skalli? Hier her!“ G. ging um einen Busch herum und sah, wie die Bulldogge emsig dabei war, etwas im Dreck zu verscharren.
„Böser Hund! Aus!“ G. packte die Dogge am Halsband und zog sie zur Hundehütte, um sie anzuleinen. Anschließend kehrte er zu dem halbzugeschütteten Loch zurück und begann vorsichtig zu graben. Tatsächlich! Da lag sie, seine Erde, etwas angenagt und vollgesabbert, aber in akzeptablen Zustand. Sogar die beiden Hefe-Figuren hatten die Strapazen im Hundemaul halbwegs unbeschadet überstanden. G. war zutiefst erleichtert.
Behutsam nahm er die Erdkugel aus dem Loch und trug sie in sein Zimmer zurück. Dort säuberte er sie mit einem Pinsel und besserte ein paar Erdhügel aus, die Skallis rauer Zunge zum Opfer gefallen waren. Anschließend brachte er alle Planeten in Ordnung und hängte die Erde mit einem neuen, stärkeren Faden an ihren Ursprungsplatz zurück. Er besah sich abschließend sein gesamtes Projekt und erklärte sein Werk für beendet. In diesem Augenblick steckte sein Vater den Kopf zur Zimmertür herein und fragte ihn, ob er Lust hätte, ihm beim Grillen zu helfen. G. nickte erfreut und deckte sicherheitshalber das Aquarium ab. Dann folgte er seinem Vater.

In der kommenden Nacht, als G. bereits fest schlief, begann sich unmerklich etwas auf seiner Mikro-Erde zu regen. Zuckermoleküle stiegen aus dem Kerninneren auf, reagierten mit den Eisenspänen und trieben die Pilze aus den Sandschichten zu eigentümlichem Wachstum an. Bazillen aus dem Hundespeichel reagierten mit den Hefebakterien der Knetmännchen und paarten sich mit einigen Erd-Mikroben. Zellen teilten sich. Schleichend begann sich die Atmosphäre um die Gestirne zu verändern und die Planeten rotierten fortan sachte um ihre eigene Achse.
G. ahnte nichts von diesen Vorgängen, auch nicht als der Morgen des siebten Tages anbrach und er nach dem Frühstück mit seinem Freund S. ins Freibad ging.
Am nächsten Schultag präsentierte er dafür arglos und voller Stolz seiner Lehrerin das Projekt. Diese wirkte zunächst verblüfft, bevor ihr Gesicht einen kummervollen Ausdruck annahm.
„Wirklich, G.?“ seufzte sie enttäuscht. „Das ist dein Versuch zur Verbesserung deiner Note?“ G. erstarrte. Er hatte mit wesentlich mehr Enthusiasmus gerechnet. Frau Frigg nahm ihre Brille ab und begann sie zu putzen.
„Der gute Wille ist ja da… aber die Ausführung…“
Sie blickte kurz durch die noch streifigen Brillengläser auf G.s selbstfabriziertes Universum.
„Schlampig, einfach nur schlampig“, fuhr sie fort. „Du hättest stattdessen einfach den Wuchs einer Topfpflanze dokumentieren können. Oder das Wetter für eine Woche protokollieren. Aber das…“
„Ich habe mir wirklich große Mühe gegeben, Frau Frigg“, verteidigte sich G. kleinlaut. Die Augen hielt er niedergeschlagen. Nervös schliff er mit einem pendelnden Bein über den Boden des Klassenraumes. Frau Frigg setzte die gesäuberte Brille mit Schwung wieder auf die Nase, zum Zeichen, dass sie einen Entschluss gefasst hatte.
„Ich will dieses Mal noch Milde walten lassen.“
G. blickte hoffnungsvoll auf.
„Aber versprich, dass du dich im nächsten Schuljahr mehr anstrengen wirst.“
„Versprochen! Vielen vielen Dank, Frau Frigg!“
Schnell packte er sein Aquarium, so dass die Planeten heftig baumelten und huschte frohen Herzens davon.
Zuhause angekommen, verbannte G. kurzerhand sein Projekt in eine dunkle Ecke und überließ es fortan sorglos seinem Schicksal.

Und so geschah es, dass nichts und niemand die Prozesse unterbrach, die vor zwei Tagen ihren Lauf genommen hatten. Stattdessen begann sich im Zeitraffer vielfältiges Leben auf dem Miniplaneten zu entwickeln. Ein Tag in G.s Welt währte in dem Mikrokosmos, der vor sich hin wuchs, viele Jahre. Gezeiten formten sich und Jahreszeiten wechselten sich ab. Unterschiedliche Spezies entstanden und starben wieder aus. Nur an der Ausrottung der Dinosaurier trug S. Schuld, der eines Tages eine brühendheiße Tasse Tee aus Versehen über der Erde ausgoss.
„Sorry, G.,“ entschuldigte sich S. zerknirscht und deutete auf das Malheur.
„Ist doch nicht schlimm. Das staubt doch sowieso nur vor sich hin,“ erwiderte G. desinteressiert und wandte sich wieder seinem Videospiel zu.
Und so nahm die Evolution auf der Mikro-Erde weiter ihren Lauf und produzierte bald intelligente Lebewesen, die sich zu Völkern mit einzigartigen Kulturen vereinigten. Eines Tages stolperte G. über eine Ecke des Aquariums. Und während er sich den Zeh rieb, brach durch den unerwarteten Ruck ein Vulkan auf der Mikroerde aus und begrub eine legendäre Stadt namens P. und ihre Bewohner unter einer tödlichen Lavadecke. Ein weiteres Mal trug es sich zu, dass ein Mikromensch an ein klitzekleines Kreuz genagelt wurde und rief: „Mein G., mein G., warum hast du mich verlassen?“ Doch seine Schreie verhallten in den Weiten des gläsernen Universums und G. war zu einer Schulexkursion gefahren. Eines Tages begannen die Mikromenschen, sich mit Kampfjets zu bekriegen. In diesem historischen Augenblick kam G.s Mutter ins Zimmer, während dieser gerade dabei war, Umzugskartons in das Auto seines Freundes S. zu laden. Die beiden Freunde hatten beschlossen, für ihre Studienzeit zusammenzuziehen.
„G., es wird endlich Zeit, dass du diesen schmierigen Glaskasten entsorgst. Da hat sich schon fliegendes Ungeziefer eingenistet!“ G. nickte nur zerstreut und stellte das Aquarium raus in die glühende Sonne an der Einfahrt, wo es hoffentlich demnächst vom Sperrmüll abgeholt werden würde. Dann stieg er zu S. ins Auto und sie fuhren davon.

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