Ein Apfel ist ein Apfel ist ein Apfel ist ein Apfel

In der Anderswelt stand ein Apfelbaum. In seiner Krone hauste ein Adler und an seinen Wurzeln nagte eine Schlange. Und zwischen ihnen rannte ein Eichhörnchen den Stamm herauf und hinab und vergnügte sich damit, den einen gegen den anderen auszuspielen. Viele Jahre gingen so ins Land bis eines Tages die sumerische Göttin Inanna wissen wollte, was Menschen miteinander tun, wenn sie nackt und bloß beieinander liegen. Ihre Hochzeit mit dem Schafhirten Dumuzi stand an und niemand hatte ihr bislang dieses Geheimnis erklären wollen. Jemand flüsterte ihr zu, dass der Genuss der Baumfrüchte ihr dieses Wissen vermitteln würde. So zögerte sie nicht lange und bekniete ihren Zwillingsbruder Utu, ihr zu helfen. Dieser war der Sonnengott und durchwanderte jede Nacht bis zum Morgengrauen die Anderswelt. Utu war von den Plänen seiner Schwester nicht sonderlich begeistert, aber Inanna blieb hartnäckig. Schließlich gab er nach und verbarg die Schwester unter seinem Mantel, als er sich in der nächsten Dämmerung auf den Weg machte. Kaum waren sie bei dem Apfelbaum angekommen, schlüpfte Inanna unter dem Umhang hervor und pflückte sich einen Apfel. Sie grub ihre Zähne tief in sein Fruchtfleisch und als sie den ersten Bissen hinunterschluckte, verstand sie mit einem Mal die geschlechtliche Liebe. Die Enthüllungen beeindruckten sie nicht sehr. Stattdessen wunderte sie sich, warum man aus der Angelegenheit ein so großes Geheimnis machte.
Ähnlich erging es auch Odin, der tausende Jahre später sich mit einem Speer an demselben Baum aufhängte, weil er Wissen über die Runen erlangen wollte. Neun Tage und Nächte hing er so, bis sich ihm die Zeichen erschlossen. Und im Nachhinein fragte er sich nur, warum er nicht allein darauf gekommen war.

Ihr Bruder drängte Inanna indessen zur Eile, indem er sie ungeduldig am Ärmel zog. Hastig stopfte sie sich den Apfelrest in den Mund, warf den übriggebliebenen Butzen ins Gras und folgte ihm. Dabei trat sie aus Versehen auf das Kerngehäuse am Boden und ein verirrter Apfelsamen heftete sich an ihre linke Ferse. So reiste der Kern unbemerkt in unsere Welt, wo er nach der nächsten göttlichen Füßewaschung mit dem Badewasser ausgekippt wurde.

Da lag er nun auf dem weichen Erdreich und grub sich darin ein. Er begann zu keimen und Wurzeln zu schlagen. So vergingen viele Jahre und Jahrhunderte. Und der Apfelbaum wuchs heran, Leute kamen und füllten sich die Taschen mit seinem Obst. Und dadurch reiste und vermehrte sich der andersweltliche Apfelbaum auf unserer Erde.
In einer Vollmondnacht setzte sich im fernen Indien ein junger Mann unter einen Urgroßneffen des Apfelbaums und begann zu meditieren. Wochenlang saß er in sich versunken da. Böse Mächte sandten Geschöpfe aus, um den Asketen zu verführen und schickten Monster, um ihn unter dem Baum zu vertreiben. Doch der junge Siddharta ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Und als er glaubte, das Leben und Leiden der Menschen in allen seinen Höhen und Tiefen verstanden zu haben, erhob er sich, tätschelte die Baumrinde zum Dank und ging um weiterzugeben, was er gelernt hatte.
In der Zwischenzeit hatte sich nicht nur der Apfelbaum über den gesamten Erdball verbreitet, auch die Verehrung der Göttin Inanna war in vielen Breitengraden populär geworden. Die Römer hatten sie Venus getauft und ihr einen Planeten geweiht. Denn als sie einen Apfel an seinem Äquator aufschnitten, erkannten sie, dass die Samenkapseln als Fünfstern angeordnet waren. Diesen übersetzten sie in die Form des Pentagramms und da dieser Planet innerhalb von acht Jahren ein solches Muster an den Himmel zeichnet, war es nur folgerichtig, ihn nach der Apfelgottheit zu benennen. Seit ihrem Ausflug in die Anderswelt verehrte man sie außerdem als Liebesgöttin.

Ein göttlicher Familienstreit um einen Apfel sollte allerdings weitreichende Folgen nach sich ziehen. Die gesamte Sippschaft hatte sich zusammengefunden, um die Hochzeit zwischen Peleus und Thetis zu feiern. Nur die Göttin Eris war nicht eingeladen worden, weil man auf die Göttin der Zwietracht bei so einem Feste lieber verzichten wollte. Diese war zu Recht beleidigt. So warf sie einen goldenen Apfel mit der Aufschrift „Für die Schönste“ unter die Hochzeitsgäste. Dieser landete zielsicher in der Sitzgruppe von Athene, Hera und Inanna, die bei den Griechen Aphrodite genannt wurde. Kaum hatten die Göttinnen den Apfel untersucht, gerieten sie schon darüber in Streit, für wen der Apfel bestimmt gewesen sei. Der Disput artete so aus, dass der Göttervater Zeus sich genötigt fühlte, den Grund des Aufruhrs zu erfragen. Die aufgebrachten Göttinnen erläuterten ihm ihr Dilemma und verlangten, dass er als göttliches Oberhaupt die Gewinnerin des Apfels bestimmen solle. Doch Zeus wusste, dass, egal welche Göttin er als Favoritin erwählen würde, ihm die anderen keine Ruhe mehr lassen würden. Also bestimmte er, dass der Sterbliche Paris den Schiedsrichter in dieser Angelegenheit spielen solle und Hermes wurde beauftragt, sie zu ihm hinzuführen. Dort angekommen, versuchte eine jede Göttin, Paris auf ihre Seite zu ziehen. Hera sicherte ihm die Weltherrschaft zu und Athene lockte ihn mit der Verheißung von Weisheit. Den Vogel schoss aber Aphrodite ab, die dem einsam im Exil Lebenden die Liebe der schönsten Frau auf Erden in Aussicht stellte. Diesem Angebot konnte Paris nicht widerstehen. Nur war die begehrenswerteste Frau zu der damaligen Zeit die schöne Helena und diese war bereits mit dem spartanischen König Menelaos verheiratet. Aphrodite erwirkte, dass sich die gebundene Schönheit in Paris verliebte und dieser entführte sie kurzerhand. Menelaos war nicht amüsiert und mobilisierte ein gewaltiges Heer. Und so kam es, dass ein Apfel statt Weisheit den trojanischen Krieg auslöste.

Und während die Schlachten tobten und Aphrodite selig mit ihrem Apfel entschwand, beschäftigten sich Gelehrte mit dem Fünfstern der Apfelkerne. Sie beobachteten die Natur und erkannten überall das gleiche Prinzip. Sie sahen es in den Spinnweben, die morgens taubenetzt in der Sonne glitzerten. Sie bemerkten es in den duftenden Blütendolden auf Bäumen und Sträuchern. Das Pentagramm schien allgegenwärtig. Davon wiederum leiteten sie den goldenen Schnitt ab, den bereits ägyptische Baumeister erfolgreich angewandt hatten. Die griechischen Mathematiker Pythagoras und Euklid schrieben ihre Erkenntnisse auf Pergament nieder. Das Pentagramm wurde ebenfalls zum Kennzeichen der Pythagoreer, der Schüler um Pythagoras. Allerdings erschütterte die Entdeckung eines fünften regelmäßigen Körpers, des sogenannten Dodekaeders, die Schulgemeinschaft so stark, dass sie den Formfinder in einem nahegelegenen Gewässer ertränkten. Später erkannten sie allerdings ihren Irrtum und erklärten den Dodekaeder zum Symbol für das Universum. Das half ihrem Mitschüler zwar nicht mehr, beweist aber einmal mehr, wie dumm selbst gebildete Menschen sein können.

Viele Jahre später gelang es Leonardo da Vinci den Menschen im Goldenen Schnitt darzustellen. Er nannte ihn den vitruvianischen Menschen und beschloss, seinen Liebhaber basierend auf dem gleichen Prinzip in Öl zu malen. Er verewigte ihn in einem weiblichen Porträt, mit einem mysteriösen Lächeln auf den Lippen.

Weiter nördlich wich der mutige Sigurd geschwind einem Apfel aus, der von einem über ihm stehenden Ast herunterfiel. Dann holte er mit seinem Schwert aus, um dem Drachen Fafnir den Todesstoß zu versetzen. Der Kampf hatte ihn gehörig hungrig gemacht. Also schlitzte er die Brust des Lindwurms auf, schnitt das Herz heraus und machte sich daran, es über einem Feuer kross zu braten. Da er sich nicht sicher war, wann es gar sein würde, stocherte er ungeduldig mit einem Finger in der Pfanne herum. Dabei verbrühte er sich und steckte erschrocken die schmerzende Fingerkuppe in den Mund. So gelangte etwas Drachenblut in seinen Magen. Auf einmal vernahm er ein Wispern in den Zweigen über sich. Als er aufblickte, sah er zwei zwitschernde Vögel im Geäst. Und wie durch ein Wunder konnte er ihre Unterhaltung nun verstehen. Die gefiederten Herrschaften plauschten angeregt über seinen Ziehvater Mimir, der ihn umbringen wolle. Sigurd war der Appetit auf seinen Braten vergangen. Doch als er auf seine verbrannte Hand herunterschaute, bemerkte er, dass sich seine Haut durch den Kontakt mit dem Drachenblut mit Hornhaut überzogen hatte. Daraufhin zo er sich aus und wälzte sich in dem Drachenblut, um sich einen natürlichen Panzer zuzulegen. Damit konnte ihm niemand mehr etwas anhaben, dachte sich Sigurd. Überall rieb er sich mit dem Blute ein, nur den einen Punkt zwischen seinen Schulterblättern konnte er nicht erreichen.
„Was soll’s?“, dachte sich der Drachentöter. Eine weichgebliebene Stelle würde bestimmt kein großes Problem sein.

1014 dachte sich Papst Benedikt VIII., es wäre bestimmt eine hübsche Idee, Heinrich II. kurz vor seiner Krönung zum römisch-deutschen Kaiser einen goldenen Reichsapfel zu überreichen. Er hatte von etwas Ähnlichem bei den Römern gehört, wenn er sich recht erinnerte. Der Apfel würde den Globus symbolisieren und für die Weltherrschaft stehen. Heinrich zeigte sich in der Tat entzückt. Die Osmanen hingegen prägten den Ausdruck des roten Apfels, der die ersehnte Expansion ihres Herrschaftsbereiches auf die Städte Konstantinopel, Budapest, Rom und Wien umschrieb.

Und der Apfel rollte weiter und weiter durch die Menschheitsgeschichte. In Irland schlenderte König Cormac eines Morgens auf der Brüstung seiner Burg umher. Dort sah er einen ihm unbekannten weißhaarigen Krieger den Hügel heraufkommen. Dieser trug einen silbernen Zweig mit neun prachtvollen rot-goldenen Äpfeln in seiner Hand. Der Krieger erzählte Cormac, er käme aus der Anderswelt und seinem Ast wohnten magische Kräfte inne. Schüttelte man diesen, ertönte wundersame Musik, welche die Menschen in Schlaf einlullte und Kranke von ihren Gebrechen heilte. König Cormac war von dem Apfelzweig sehr angetan und er erbat ihn sich als Geschenk. Der Krieger willigte im Tausch gegen drei Wünsche seinerseits ein. Ein Jahr lang ließ der Fremde nichts mehr von sich hören und Cormac hatte ihn fast vergessen, als eines Tages der Krieger überraschend in der Tür stand. Als seinen ersten Wunsch forderte er die einzige Tochter des Königs. Und Cormac musste sein Versprechen halten. Also nahm der Krieger die Prinzessin an die Hand und entschwand mit ihr in einem Nebelmeer. Die Frauen des Hofes begannen zu weinen, aber Cormac wiegte sie mit seinem Apfelzweig in den Schlaf.
Einen Monat später stand der Krieger erneut da und verlangte den einzigen Sohn des Königs. Auch mit diesem verschwand er in einem aufsteigenden Dunst. Nur wenige Tage darauf erschien er wieder und forderte als dritten und letzten Wunsch die Königin. Dieses Begehren war zu viel für Cormac. Er beschloss, sich seine Familie zurückzuholen. Er sah Nebel einer Wand entströmen, ähnlichen demselben, der seine Angehörigen verschluckt hatte. Er ging darauf zu und fand sich plötzlich in einer weiten Ebene wieder. Inmitten dieser erblickte er eine Dunkelheit. Dort fand er einen Palast neben einem breiten Fluss vor, welcher sich in fünf Ströme teilte. Er trat ein und traf dort auf ein Paar. Dieses begrüßte den Gast freundlich und schlachtete ihm zu Ehren ein Schwein. Sie erklärten, das Borstenvieh könnte nur gekocht werden, wenn für jedes Viertel von ihm eine Wahrheit erzählt würde. Daraufhin trat ein weiterer Herr ein und trug eine wahre Geschichte vor. Danach taten es ihm die Gastgeber gleich und als die Reihe an Cormac kam, berichtete er, wie er seine Familie verloren hatte. Das Schwein war nun gebraten, aber Cormac lehnte ab, sich zu Tisch zu setzen, da das Festmahl zu groß für so wenige Leute sei. So sangen ihn seine Wirte in den Schlaf und als er wieder erwachte, war er von fünfzig Kriegern umgeben, darunter auch seine Frau und Kinder. Der Hausherr entpuppte sich als der Krieger mit den drei Wünschen. Er überreichte Cormac einen magischen Kelch und versprach ihm den Apfelzweig bis zu seinem Tode. Der Krieger erklärte weiterhin, dass der Strom, der neben dem Haus vor sich hin plätscherte, der Quell der Weisheit sei, der auch die Wurzeln des Apfelbaumes wässerte, von dem der magische Zweig stammte. Als Cormac am nächsten Tage erwachte, befanden sich er und seine Familie zurück im heimischen Schloss.

Fast zur gleichen Zeit brüstete sich Toko in Dänemark, nachdem er bereits einige Becher Met geleert hatte, wie gut er mit Pfeil und Bogen umzugehen verstehe. König Harald „Blauzahn“ Gormsson verlangte daraufhin einen Beweis seiner Kunst und verfügte, Toko solle einen Apfel von dem Kopf seines Sohnes schießen. Dieser entnahm zwei Pfeile seinem Köcher, legte an und zielte. Er traf den Apfel genau in seiner Mitte.
„Wofür brauchtest du den zweiten Pfeil?“, erkundigte sich König Harald nach der Heldentat bei ihm. Toko erwiderte, dieser sei für den Herrscher bestimmt gewesen, falls er seinen Sohn statt den Apfel durchbohrt hätte. Da erschrak der König und sandte Toko zur Strafe auf eine lebensgefährliche Skifahrt. Doch der trinkfeste Schütze bestand auch diese Probe mit Bravour. Und König Harald dachte bei sich, es sei wohl manchmal besser, nicht alles zu wissen.

Es vergingen zweihundert Jahre und ein Wissenschaftsstudent saß frustriert im elterlichen Garten. Die Universität in Cambridge, wo er studierte, hatte aufgrund der sich ausbreitenden Pest schließen müssen und nun wusste er nicht, wann es ihm erlaubt sein würde, das Studium fortzusetzen. Gelangweilt sah er einen Apfel vom Baum ins trockene Laub purzeln.
„Warum fallen Äpfel immer senkrecht nach unten?“, fragte sich der junge Isaac. „Könnte es sein, dass die Erde den Apfel anzieht?“ Und er begann eifrig, auf einer liegengebliebenen Serviette Berechnungen anzustellen.

Eines Tages trafen sich zwei Freunde mit Namen Steve in der häuslichen Garage in Kalifornien. Sie hatten gerade ihre neue Firma gegründet und planten den ersten Personal Computer auf den Markt zu bringen, der für jedermann erschwinglich sein sollte. Es fehlte ihnen nur noch ein klangvoller Name für das Jungunternehmen. Ein Steve stand am Fenster und sah auf den gemähten Rasen hinaus, während der andere an einem Apfel kaute. Nachdenklich blickte er auf die angebissene Frucht in seiner Hand.
„Hey“, wandte er sich an seinen Freund. „Was hältst du von dem Namen „Apple“?

Und so bahnt sich der Apfel seinen Weg weiterhin durch unsere Kulturgeschichte. Tapfer übersteht er sauren Regen, Eichenprozessionsspinner und klimawandelbedingte Hitzewellen. Oft wünschen wir uns, es möge mehr von diesen Früchten der Weisheit vom Himmel regnen. Und vielleicht kugelt genau in diesem Augenblick ein rotbackiger Apfel einem klugen Kopf vor die Füße und hilft ihm auf die Sprünge. Doch wenn wir ehrlich sind, ist er in Wahrheit nur ein Sinnbild für den schlummernden Gedankenblitz in uns, der darauf wartet, zur Zündung zu gelangen. Wäre dem nicht so, dann ist es höchste Zeit Obstkörbe zu verschicken.

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