Bekenntnisse eines Schattenelfen

B. erreichte gerade noch rechtzeitig den verlassenen Bürokomplex, den seine Gilde zum Hauptquartier auserkoren hatte. Er betrat den alten Konferenzraum und schlüpfte rasch an seinen Platz in der Sitzrunde.

„Sehr gut, wir sind vollständig“, eröffnete T. die Sitzung. „Wie bereits im Vorfeld angekündigt, haben wir eine neue Aufgabe vor uns. Dieser Quest ist eine Art Testlauf für alle größeren Aufgaben, die in Zukunft auf uns zukommen werden.“
„Was ist es, T.?“, fragte W., der seine Neugierde nicht bezähmen konnte.
„Eine besondere Herausforderung“, erwiderte T. „Wir versuchen, einen Krieg mit Costa  Rica anzuzetteln.“
„Waaaas?“, rief B. „Warum?“
„Warum nicht?“, wandte M. sich ihm zu. „Es gilt als neutral und verfügt anscheinend nur über geringfügige Abwehrmaßnahmen. Selbst wenn etwas schief geht und wirklich Krieg ausbräche, würden wir damit keinen großen Schaden anrichten.“
„Aber, was für einen Sinn macht das Ganze?“, warf B. hartnäckig ein. M. betrachtete ihn amüsiert von der Seite. Er neigte sich ihm zu: „Erinnerst du dich an unser erstes Gespräch, Avellan?“

Wie konnte er ihr erstes Zusammentreffen jemals vergessen? Damals hatte B. als sein Alter Ego, der Schattenelf Avellan im Online-Rollenspiel Ages of Cheiron, nach einem erfolgreichen Gemetzel sich noch einen Krug Met in seiner Stamm-Taverne in Nebelmoor genehmigen wollen. Als er sinnend vor der Feuerstelle saß, war der Worg Waldron Spellwalker plötzlich aufgetaucht, der in der realen Welt M. genannt wurde. Dieser hatte ihm das Konzept unterbreitet, dass die Frage, was real sei und was nicht, vom eigenen Standpunkt abhing. Laut Waldron konnte man B. als Avatar von Avellan auffassen und nicht umgekehrt. Er war ohnehin der Ansicht, dass das ultimative Rollenspiel, welches es zu meistern galt, weil es wesentlich unberechenbarer sei als Ages of Cheiron, die Realität darstellte. B. hatte damals als Schattenelf Avellan gefragt, wo denn der Sinn darin bestünde und was das Endziel eines Realitäts-Spiels sein sollte. Waldron hatte ihn damals darauf hingewiesen, dass sich auch kein tieferer Sinn bei Ages of Cheiron finden ließ. Es war ein Endlosspiel, dem pausenlos neue Erweiterungen zugefügt wurden. Warum sollte die Realität da einen Unterschied machen? Auf ähnliche Weise hatte Waldron einst alle Mitglieder der Gildenrunde in Ages of Cheiron nach und nach rekrutiert.

In dem Konferenzraum wandten sich alle wieder dem Sprecher T. zu. Dieser rieb sich voller Eifer die Hände.
„Es gibt viel zu tun. F., du streust wie immer Fake-News über sämtliche Kanäle. Liberal, konservativ, radikal, lass nichts aus! W., mein lieber W., du musst deine illegalen Waffenhändlerfreunde kontaktieren. Sie sollen ihre Fühler verstärkt in die besagte Region ausstrecken. Ich bin mir sicher, die Einkäufer werden nicht auf sich warten lassen, wenn sich die falschen Nachrichten verbreiten.“
T. wandte sich an M.: „Du musst unbedingt die Lebensmittelpreise in Costa Rica in die Höhe schießen lassen. Wenn du an den Ernten auch etwas drehen kannst oder die Importe blockieren – umso besser!“ M. lehnte sich entspannt zurück.
„Kein Problem. Ist so gut wie erledigt“, gab er selbstbewusst zurück.
„Sehr schön! Und B.“, nun kam die Reihe an ihn, „schau dir bitte an, was die Costa Ricaner im Internet so treiben und wie man ihre Schwächen für unsere Zwecke ausbeuten kann. Tausch dich mit F. aus.“
B. und F. nickten.

„Ich werde mich mit der nationalen Sicherheit befassen. Ein bisschen Korruption hier und da hat noch nie jemanden geschadet.“ T. schmunzelte.
„Ach ja, und Z. kümmert sich um die miserable medizinische Versorgung vor Ort.“ Z. salutierte scherzhaft.
„A. beobachtet natürlich das Geschehen im Bundestag.“
T. blickte erfreut in die Runde.
„Alle wissen Bescheid? Dann los. Wir treffen uns in zwei Wochen in der Schenke „Zum Poseidon“ in Güldenfarn.“ Güldenfarn war eine Unterwasserwelt in Ages of Cheiron.
Alle schoben ihre Stühle zurück und verließen geschäftig den Unterschlupf.

Zwei angeregte Wochen vergingen. B. durchkämmte das Netz von oben bis unten nach schmutzigen Machenschaften in Costa Rica, die er dann umgehend an F. weiterleitete. Gemeinsam woben sie einen undurchdringlichen Teppich aus dunklen Fakten, halbseidenen Scheinwahrheiten und abstrusen Lügen, bis sie selbst kaum mehr wussten, was wirklich und was komplett erdichtet war. Die Fernsehnachrichten orientierten sich immer mehr an den Märchen, die F. und B. auf diversen Plattformen platziert hatten. Fasziniert sah B. wie die Nachrichten zu erregten politischen Debatten führten, welche im Gegenzug zu neuen Falschmeldungen führten. Sie hatten die Lawine losgetreten. Jetzt stellte sich nur die Frage, ob sie auch fähig waren, diese wieder aufzuhalten, wenn es an der Zeit war.
Die anderen Gildenkameraden waren ebenfalls nicht untätig. Die Grundnahrungsmittel in Costa Rica wurden knapp, die Geschäftsbeziehungen zu anderen Ländern begannen sich zu verschlechtern. Die Kriminalität nahm zu und so auch die Waffenmengen, die unter der Hand zu erwerben waren.
Die Situation schien immer mehr zu eskalieren, wie die Gilde bei ihrem nächsten Treffen im Poseidon begeistert feststellte. „Ferren,“ hatte damals T. seinem Freund A. zugeraunt, der in Ages of Cheiron ein Irrlicht war. „Bald bist du am Zug.“
Fünf Tage später sah B. das Resultat von A.s Bemühungen. Die Kanzlerin hatte sich kurzerhand in ein Privatflugzeug gesetzt, um mit dem Präsidenten von Costa Rica Deeskalationsgespräche zu führen. Nach drei Tagen andauernden Verhandlungen war der Spuk vorbei und der Frieden erneut gesichert. Die Gilde sandte sich in Ages of Cheiron Glückwunschnachrichten zu.

In der Nacht träumte B., wie sein Schattenelf Avellan in einem Zimmer in den Unweiten von Ages of Cheiron vor einem Computerbildschirm saß. Auf der Mattscheibe sah er sich selbst, B., als Avatar aufleuchten. Der Schattenelf tippte auf dem Keyboard, welches sich vor ihm auf dem Schreibtisch befand und ließ B. durch die Realität laufen. Er sah, wie er ihn in die U-Bahn zur Arbeit einsteigen ließ, in die Kantine führte und Antworten von B. an seine Arbeitskollegen eingab, die der Avatar B. gefügig nach dem Drücken der Enter-Taste aussprach. Er beobachtete auch, wie Avellan sich per Headset mit dem Basilisken Tork, wie F. in der Cheiron-Welt genannt wurde, verständigte. Gemeinsam erledigten sie ihre Gildenaufgaben in dem Realitäts-Spiel, welche zu einer militärischen Bedrohung durch Costa Rica führen würden. In dem Moment als er auf dem Bildschirm des Elfen die Entwarnung der Kanzlerin im realen Fernsehen vernahm, hörte er eine triumphierende Melodiefolge, die anzeigte, dass er als B. einen Level aufgestiegen war. Er blickte über den Kopf des menschlichen Avatars und las die Anzahl ab: Level 55. Ihn erfüllte ein ihm bisher unbekanntes Gefühl von innerem Frieden.

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