Die Geschichte der Plonie Krögers

Es war ein schwüler Spätsommertag. Die Magd Ännlin war gerade dabei, einen schweren Holzpflug über den Acker ihres Dienstherrn irgendwo in der Nähe von Fredersdorf zu ziehen, als die Wehen einzusetzen begannen. Dennoch pflügte sie tapfer weiter bis die Krämpfe zu heftig wurden. Sie legte den Pflug ordentlich nieder, hockte sich an den Rand des Feldes und half das Leben aus sich herauszupressen, welches so ungestüm Einlass begehrte. Als das kleine Bündel zwischen ihren Beinen auf die weiche Erde sank, holte sie ein stumpfes Messer hervor und schnitt die Nabelschnur durch. Dann holte sie einen Fetzen Stoff aus ihrem Brusttuch hervor und wischte so gut sie konnte, Blut und Schleim von ihrer neugeborenen Tochter, die sie ruhig und mit wachen Augen anschaute. Ännlin nahm ihr Kopftuch ab, wickelte die Kleine darin ein und legte sie in den Schatten eines Busches am Wegesrand. Dann setzte sie ihr Tagewerk fort, als sei nichts geschehen. Erst als der Abend graute, ging sie zu dem Gestrüpp zurück, nahm ihren vor Hunger schreienden Säugling auf den Arm und legte ihn sich an die Brust, während sie müde zu dem Gehöft zurückstampfte.

Vor neun Monden hatte Ännlin noch auf dem Hof eines anderen Bauern gedient. In einer donnernden Gewitternacht war sie von ihrem dürftigen Nachtlager im Kuhstall aufgestanden, um die verängstigten Tiere zu beruhigen. Als sie sich vornüberbeugte, fühlte sie den Bauern hinter sich, der ihre Röcke hochhob. Ännlin ließ es stumm geschehen. Als sich einige Monate später die Folgen dieser Begegnung abzuzeichnen begannen, jagte sie die Bäuerin unter Flüchen von dem Hof.

Am nächsten Sonntag ließ sie die Kleine auf den Namen Plonie taufen. Dann machte sie sich mit dem neuen Gotteskind in die nächstgelegene Ortschaft auf und ließ sie bei der Amme Martsch, die eingewilligt hatte, Plonie für ein geringes Kostgeld zu versorgen.
Außer Plonie hatte die Amme Martsch noch einen weiteren fremden Säugling und eine ganze Heerschar an eigenen Zöglingen zu versorgen. Schon früh lernte Plonie für sich selbst zu sorgen. Kaum hatte sie laufen gelernt, so streunte sie umher auf der Suche nach Essbarem, denn die Kost bei der Amme war immer knapp. Sie stibitzte sich etwas aus dem Trog vom Hausschwein oder grub sich eine Rübe aus dem nachbarlichen Acker. Mit vier Jahren musste sie bereits im Haushalt mit anpacken. So melkte sie morgens die Ziegen, fütterte die Hühner und zupfte Unkraut. Mit fünf Jahren übertrug man ihr, die Ziegen zu hüten.

Eines Morgens lag Plonie auf einem Hügel auf dem Rücken und schaute in die Wolken empor, während die Ziegen um sie herum eifrig das grüne Gras auszupften.
Plötzlich schob sich ein faltiges Gesicht in Plonies Blickbild. Erschrocken sprang sie auf.
„Langsam, langsam, Mädchen“, beschwichtigte sie der Alte. „Bleib nur sitzen. Ich tu dir nix.“
Plonie blickte in seine sanften blauen Augen und glaubte ihm. Erleichtert ließ sie sich wieder ins Gras sinken.
„Ich bin der alte Caspar vom Kuntz-Hof. Ich komme manchmal hier rauf, um nach dem Wetter zu sehen. Und wer bist du?“
„Plonie“, antwortete das Mädchen und betrachtete neugierig das hagere, wettergegerbtes Gesicht ihres Gesprächsgenossen, welches von einem feinen Flaum weißen Haares umweht wurde. „Was meinst du damit? Nach dem Wetter schauen?“
Der Alte lachte ein heiseres, gutmütiges Lachen.
„Ja, weißt du, wenn man wie ich so viele Jahre auf dem Buckel hat, hat man der Natur so einiges abgeschaut. Ich zeig’s dir.“ Er deutete in die Ferne auf die Ziegen.
„Siehst du, wie eifrig sie heute grasen? Natürlich tun sie das immer, aber heute sind sie besonders munter dabei. Das heißt, es kommt Regen.“
Plonie schaute den Alten skeptisch an und blickte zum Himmel.
„Es sieht aber gar nicht nach Regen aus“, widersprach sie dem Greis. „Die Sonne scheint doch so stark.“
Der Alte schmunzelte nur.
„Wirst schon sehen. Und hast du nicht die Frösche in der Nacht aufgeregt quaken hören? Ein totsicheres Zeichen.“
Ächzend erhob sich Caspar und nickte Plonie zu, bevor er sich Rückweg machte.
Am Abend lag Plonie auf ihrem Stohlager und hörte, wie der Regen auf das Dach ihrer Behausung trommelte.

Von diesem Tage an wurde der alte Caspar Plonies Lehrer. Er erklärte ihr, wie der tiefe Flug der Insekten Gewitter ankündigte und das tiefe Eingraben der Regenwürmer einen harten nächsten Winter anzeigte. Er zeigte ihr, welche Kräuter essbar waren und welche Heilkräfte sie mitunter in sich trugen.
So verbrachten sie viele Monate in den Hügeln und Wäldern rund um das Dorf und während Plonies Ziegen friedlich weideten, hielt Caspar seinen Unterricht. Selbst als der Winter kam, besuchte Plonie ihren treuen Lehrmeister, wann immer es ihr möglich war. Doch eines Abends fand sie den Alten nicht wie sonst am Feuer sitzend vor. Stattdessen lag er unter einigen Lumpen auf seinem Nachtlager. Der Atem ging ihm schwer. Entsetzt lief Plonie zu ihrem Freund und kniete sich an seine Seite.
„Caspar! Was hast du?“, flüsterte sie. Der Alte schlug die Augen auf und lächelte. Zart nahm er die Kinderhand zwischen seine rauen Handflächen. Mühselig schöpfte er Atem.
„Ich bin einfach alt, meine Plonie. Irgendwann ist es für uns alle Zeit, zu gehen.“
Das Mädchen blinzelte unter Tränen und stieß hervor:
„Du kannst mich nicht allein lassen, Caspar! Das darfst du nicht!“
Dem Greis fiel es sichtlich schwer, zu sprechen. Plonie beugte sich zu Caspars fast zahnlosen Mund vor. Er zischte ihr ins Ohr:
„Denk an alles, was ich dir beigebracht habe, meine Kleine. Die Natur wird dir alles sagen, was du wissen musst. Und ich werde von da oben auf dich achtgeben.“
In der Ferne hörte Plonie die Amme ihren Namen rufen. Caspar ließ ihre Hand los.
„Geh jetzt. Du bekommst sonst Ärger.“
Plonie küsste ihren Freund auf die Stirn.
„Ich komme morgen wieder nach dir sehen, Caspar. Vielleicht geht es dir dann wieder besser.“
An der Tür wandte sie sich noch einmal kurz um. Caspar hatte die Augen erschöpft geschlossen. Als er ihren Blick auf sich fühlte, blinzelte er ihr noch einmal kurz zu und winkte mit zwei Fingern zum Abschied. Am nächsten Morgen war er tot.

Die kurze Freundschaft mit Caspar war ein Lichtstrahl in dem tristen Leben der kleinen Plonie gewesen. Am Anfang war ihre Mutter noch jeden Monat selbst erschienen, um das Geld an die Amme zu zahlen und nach ihrem Kinde zu sehen. Aber mit der Zeit wurden die Abstände zwischen den Besuchen immer größer. Schließlich schickte sie das Geld durch einen Boten und kam gar nicht mehr. Kurz vor Plonies siebten Geburtstag hörten auch diese Transaktionen auf. Martsch fragte kurzerhand auf der Burg Zichow um Arbeit für das Mädchen an und Plonie war von da ab auf sich alleine gestellt.
Im Haus der Amme war man nicht zimperlich mit ihr umgegangen. Schmale Kost, harte Arbeit und Schläge waren eine Selbstverständlichkeit gewesen. Doch auf der Burg sollte es noch schlimmer kommen. Von früh bis spät war Plonie auf den Beinen. Sie musste die Nachttöpfe aller Burgbewohner entleeren und ausspülen. War das getan, ging es ans Fegen und Wischen der ganzen Kammern und Säle. Immer gab es etwas für sie zu tun. Wenn sie etwas nicht zur Zufriedenheit ausführte, standen Prügel in Aussicht. Plonie biss die Zähne zusammen und ertrug alles tapfer so gut sie konnte. So vergingen vier weitere Jahre.
Eines Tages sammelte Plonie Holzscheite ein, die der grobe Knecht Jobst aus großen Ästen schlug und stapelte sie säuberlich unter dem Vordach. Jobst wischte sich derweil den Schweiß von der Stirn und setzte sich für eine Verschnaufpause auf den Hackblock. Plonie fühlte wie der Blick des Knechts über ihre Gliedmaßen wanderte.
„Plonie“, rief er zu ihr hinüber. „Komm mal her!“
Sein Gebaren bereitete ihr Unbehagen. Aber gehorsam näherte sich das Mädchen und stellte sich vor ihn hin. Der Knecht betrachtete sie eingehend. Dann streckte er seine Pranke aus und begann ihren Körper zu befühlen. Plonie wurde starr vor Schreck. Als seine Hand sich zwischen ihre Beine schob, sprang sie reflexartig zurück, um sich seinem Griff zu entziehen.
„Hey“, entfuhr es dem verblüfften Knecht und packte sie am Kragen. Doch Plonie überlegte nicht lange. Kurzerhand hieb sie ihre spitzen Zähne in die Knechthand wie ein tollwütiger Welpe. Von Überraschung und Schmerz übermannt, lockerte Jobst sofort seinen Griff. Diesen kurzen Moment der Irritation machte sich Plonie zunutze und nahm die Beine in die Hand. Kaum hatte sich der Knecht von seinem Schock erholt, da nahm er vor Wut schnaubend die Verfolgung auf. Plonie rannte wie der Wind in Richtung Wald. Sie sprang über einen liegengebliebenen Baumstamm und duckte sich unter den niedrigsten Ästen hindurch. Sie lief bis das Blut ihr in den Ohren zu hämmern begann und ihre Lungen zu zerspringen drohten. Erst als ihre Beine sie nicht mehr tragen wollten, warf sie sich in das Unterholz. Dort lag sie ganz still und lauschte. Doch sie hörte nur das Rauschen in den Blättern, das Summen der Insekten und das Hämmern eines Spechts. Beruhigt kroch sie noch ein Stück tiefer in das Unterholz, rollte sich in dem trockenen Laub wie eine Kellerassel zusammen und schlief ein.
Als sie erwachte, war es bereits tiefe Nacht. Ihr Magen knurrte. Vorsichtig schüttelte den Dreck und die Zweige von sich ab und schaute in den nächtlichen Sternenhimmel hinauf. Sie kniff ein Auge zusammen, wie Caspar es sie gelehrt hatte, kalkulierte die Lage der Burg und schlug dann die entgegengesetzte Richtung ein.

Da Plonie nicht wusste, ob man nach ihr suchen würde, beschloss sie kein Risiko einzugehen. So schlief sie über Wochen hinweg tagsüber entweder im Waldesgestrüpp oder zwischen den Garben eines Feldes und wanderte in der Nacht. Ihren Hunger stillte sie mit Bucheckern und Beeren aus dem Wald oder Rüben und Obst von den Feldern. Manchmal schaffte sie es auch, ein Ei aus einem Hühnerstall zu entwenden, welches sie roh verschlang. Als sie sich mehr in Sicherheit fühlte, fragte sie auf den Höfen, an denen sie vorüberkam, um Arbeit im Austausch gegen eine Mahlzeit an. Aber sie zog immer weiter. Nirgendwo wollte sie bleiben. Eines Tages traf sie auf einen Bauern, der mit seinem Karren auf den Markt nach Prenzlau fahren wollte. Sie wollte sich gerne einmal das Leben in der Stadt anschauen und bot dem Bauern ihre Dienste auf dem Markt an. Der Bauer zeigte sich einverstanden und so machten sie sich gemeinsam auf den Weg.
Noch nie hatte Plonie so viele Menschen auf einem Haufen gesehen. Immer wieder blieb sie stehen, um sich umzusehen. Sie musste dann rennen, um den Karren wieder einzuholen. Als sie den Marktplatz erreichen, fegte Plonie den Platz für den Marktstand des Bauern und schichtete das Gemüse säuberlich auf dem Sackleinen, dass der Bauern ausgebreitet hatte. Nachdem getanerer Arbeit entließ der Bauer sie und steckte ihr sogar noch eine Mohrrübe zu. Kauend schlenderte Plonie durch das Markttreiben. Sie sah, wie Händler Stoffe in Blumenfarben zum Verkauf anboten, sie beobachtete, wie Mägde um Tonkrüge feilschten und hörte einem Mann zu, der die neuesten Nachrichten aus einer Stadt namens Köln berichtete. Im Anschluss erzählte er eine spannende Geschichte von einem Schmied, der einen Pakt mit dem Teufel einging und diesen schließlich durch seine Gewitztheit aber überlistete. Plonie lauschte mit leuchtenden Augen. Als er geendet hatte, nahm Plonie wieder ihren Rundgang auf. Als ihr die Füße, denen das harte Steinpflaster ungewohnt war, zu schmerzen begannen, ließ sie sich an einer Ecke des Platzes nieder. Nur wenige Schritte weiter ging eine Frau einem wunderlichen Geschäfte nach. Sie schaute in die Handflächen der Leute und fuhr mit den Fingern die Linien darin entlang. Daraufhin versprach sie den Mädchen einen schönen Bräutigam und den Männern gute zukünftige Geschäfte. Manchmal rollte sie stattdessen furchtbar mit den Augen, senkte die Stimme und sprach von bösen Krankheiten, die sich in ihren Kunden eingenistet hatten. Dann händigte sie ein Gegenmittel in Form von Kräutersträußen, Salbentiegeln und Tinkturfläschchen aus. Manche Kunden wiesen die Gaben zurück. Doch etliche steckten sich die Arzneien in den Gürtel und zählten der Wunderfrau willig Münzen in den Geldbeutel. Lange beäugte Plonie staunend diese Vorgänge bis schließlich die Kräuterfrau sich des Zaungastes bewusst wurde: „He! Was gibt es da zu glotzen? Rotzgöre! Mach, dass du weg kommst!“
Erschrocken fuhr Plonie aus ihrer Versenkung zusammen und verschwand in den dunkel werdenden Gassen der Stadt, um sich einen Unterschlupf zu suchen.

Das Gesehene gab Plonie zu denken. In ihrem ganzen bisherigen Leben hatte sie für jeden Kanten Brot hart arbeiten und Schläge einstecken müssen. Diese Frau auf dem Markt jedoch gab Ratschläge und Kräuter gegen klingende Münze heraus. Wie viel lebenswerter erschien das Plonie als Böden zu schrubben und den Acker zu pflügen. Plonie beschloss, am nächsten Markttag wieder an die Ecke zu gehen und die Geheimnisse der Frau weiter zu erkunden. Bis es soweit war, hielt sich Plonie mit Betteln und kleinen Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Einen Schlafplatz hatte sie hinter dem Holzvorrat einer Schenke gefunden.
Als endlich der ersehnte Tag kam, klatschte sich Plonie etwas Wasser aus einem Regenfass ins Gesicht und machte sich hoffnungsvoll auf den Weg. Als sie jedoch am Marktplatz anlangte, fand sie den Platz der Hellseherin leer vor. Plonie umrundete den gesamten Markt, aber konnte sie nirgendwo entdecken. So ließ sie sich enttäuscht selbst an der Stelle nieder und blickte ins Markttreiben. Sie hatte noch nicht lange gesessen, als ein altes Männchen an sie rantrat: „Hey du! Vertrittst du Brid?“
Plonie blickte den Greis irritiert an. „Wen?“, fragte sie zurück.
„Na, die Kräuterfrau, die hier die letzten Wochen gestanden hat.“
„Ach so, die…“ Plonie überlegte blitzschnell und nickte dann. „Genau so ist es.“
Daraufhin deutete der alte Mann mit einem Finger auf sein rechtes Auge, welches sichtlich entzündet war und wässerte.
„Das geht nun schon fast zwei Wochen so“, erklärte er Plonie. „Ich hab es schon mit klarem Wasser gespült, aber das hat nicht geholfen.“ Plonie nahm das Kinn des Alten in ihre Hand und prüfte sein Auge mit zusammengekniffenen Blick. Dramatisch verkündete sie daraufhin mit rollenden Augen, wie sie es von ihrer Vorgängerin abgeschaut hatte:
„Nimm zweimal täglich etwas Honig und schmelze ihn im warmen Wasser. Träufle wenige Tropfen davon in beide Augen. Außerdem lege eine Kompresse getaucht in verdünntem Apfelessig mehrmals am Tag auf das wunde Auge.“
Der alte Mann kramte nach ihrer Diagnose zufrieden einige Münzen aus seinem Beutel und streckte sie Plonie hin.
„Hab vielen Dank, junges Fräulein!“
Plonie blickte erfreut auf das Geld in ihrer Hand. Das war ja einfacher gewesen, als sie erwartet hatte. Schnell versteckte ihren Schatz in ihrem Gewand. Kurze Zeit darauf sah sie eine junge Magd an einem Stand Salz einkaufen. Ein junger Knecht trug ihr den schweren Korb hinterher. Seine Augen hingen hingebungsvoll an der Magd. Plonie musste unwillkürlich bei seinem Anblick auflachen, denn die Magd schien seine Schwärmerei überhaupt nicht zu bemerken. Die Dienstmagd vernahm Plonies Lachen und schaute überrascht zu ihr hinüber.
„Du bist die Wahrsagerin, nicht?“, sprach sie Plonie an und streckte ihr die Handfläche hin. „Sag mir meine Zukunft voraus!“, forderte sie unumwunden.
Plonie schaute auf die Linien in der aufgerauten Handfläche, als verstünde sie diese zu lesen.
„Eine große Liebe wartet auf dich, holde Maid!“, verkündete sie. Plonies Worte begeisterten der Magd:
„Wo denn? Wann denn? Sag schon!“
Mit ernster Miene und salbungsvoller Stimme verkündete Plonie:
„Oh, er ist schon hier. Er ist ganz nah!“
Die Wangen des Knechtes wurden puterrot bei ihren Worten.
„Hast du das gehört?“ Die Magd drehte sich nach dem Knecht um. „Er ist ganz nah!“
Erstaunt blickte sie auf das erhitzte Gesicht des jungen Mannes. Auf einmal wurde ihr alles klar.
„Ewalt!“ rief sie aus. „Ich hab ja gar nicht gewusst…“
Sie verstummte und fiel dem Knecht um den Hals, der sein Glück gar nicht fassen konnte. Nach einer halben Ewigkeit, in der sie sich umschlungen hielte, wagte Plonie ein kleines Räuspern, um sich bemerkbar zu machen. Die Liebesleute erwachten wie aus einer Trance. Freudig stopften sie Plonie Münzen in die Hände, bevor sie munter weiter zogen.
Etliche Leute hatten die rührende Geschichte mit angesehen und ehe Plonie sich versah, war sie von neuen Kunden umringt. Als der Markt zu Neige ging, hatte Plonie einige gute Geschäfte gemacht.
Von diesem Tag an nahm Plonie wochenlang ihren Platz an derselben Marktecke ein. Doch sobald sie genügend Geld beisammen hatte, kaufte sie sich ein neues Gewand samt Kopftuch und einen kleinen Karren. So ausstaffiert begann sie über die Lande zu ziehen und ihre Dienste anzubieten. Beim Handlesen vertraute sie meistens auf ihre Beobachtungsgabe und wenn diese sie im Stich ließ, log sie einfach das Blaue vom Himmel herunter. Meistens war sie ohnehin längst aus dem Dorf, bis der Schwindel auffliegen konnte. Sie mischte eine Salbe aus Kamille, Wucherblumen und Beifuß, die sie ihren Kunden verabreichte, wenn ihre Kräuterkunde nicht ausreichte. Schnell hatte sie nämlich herausgefunden, dass oft der Glaube an Heilung ausreichte, um eine Linderung zu erreichen. Schlug das Mittel fehl, bot sie andere Dienste als Ersatz an, um die Wogen zu glätten. Der Knecht eines Bauern hatte sich beim Holzhacken am Bein verletzt und litt nun auch am Wundbrand. Plonie verordnete ihre Salbe, aber die Wunde wollte nicht heilen. Als der erboste Bauer vor ihr stand und sein Geld zurückverlangte, versprach sie ihm an, einen Schatz in seinem Haus zu heben. Dazu müsse sie allerdings eine Zeitlang bei ihm wohnen und verköstigt werden. Die Aussicht auf blankes Geld überzeugte den Bauern. Bereits in der ersten Woche auf dem Hof entdeckte Plonie, dass die Magd, wenn sie vom Verkauf auf dem Markt zurück kam, einen Teil des Erlöses für sich abzweigte und unter einem Stein hinter der Scheune versteckte. Der arglosen Bäuerin händigte sie den Rest aus und jammerte über die schlechten Preise. Nun, wo Plonie wusste, wie sie den Bauern zufrieden stellen konnte, ließ sie sich Zeit und genoss es umsorgt zu werden. Als der Bauer ungeduldig wurde und auf den Schatz drängte, entzündete Plonie einige duftende Kräuter und rollte wild mit ihren Augen. Sie tat so als würde der Schatzgeist in sie fahren und verriet so die geheime Stelle. Innerlich kichernd sah die entsetzten Blicke der Magd, die damit ihr Erspartes verlor. Doch sie konnte nichts sagen, sonst wäre ihr Betrug zu Tage gekommen und sie hart bestraft worden. Der Bauer war hingegen hoch erfreut und entlohnte Plonie reichlich mit Rüben und Eingemachten, bevor sie mit ihrem Wägelchen zum nächsten Dorf zog.

Mit den Jahren wurde Plonie immer mutiger in ihren Geschäften. So verkaufte sie dem Schmied Bentwisch Lindenberger ein Tonfläschen mit Schmutzwasser, in dem angeblich ein Flaschengeist mit Namen Hans Bösegeist hauste. Dieser würde ihm fortan zu Diensten sein, erklärte sie und bekam ein Fässchen Bier als Zahlung dafür.
In einem Winter bat sie der Bauer Lenhart Albrecht, Kontakt mit dem Jenseits herzustellen, um seine Eltern ein letztes Mal sehen zu können. Diese waren verstorben, als er noch ein kleiner Junge war. Plonie sagte ihre Hilfe zu. Von da an ging sie täglich zum örtlichen Friedhof, um geheime Rituale für die Geisteranrufung zu vollziehen, wie sie dem Bauern erzählte. In Wahrheit wartete Plonie auf Nebel, um die Geisterstunde glaubhaft inszenieren zu können. Kurz vor Weihnachten war es endlich soweit. Sie trug dem Bauern auf, um Punkt Mitternacht allein auf dem Friedhof zu erscheinen. Plonie hängte kurz vor dem verabredeten Zeitpunkt ein Paar alte Hemden in die Zweige der Bäume, die im Wind schaurig schaukelten. In den Schnee darunter grub sie Räuchergefäße gefüllt mit Kräutern und Kohle ein, die sie entzündete. Als der Bauer um Mitternacht durch das Tor wankte, erblickte er eine gespenstische Szenerie, in der Plonie mit heiserer Stimme tanzte und sang, während sie mit ein paar Ketten aus getrockneten Erbsen und Holzperlen rasselte. Plonie hoffte, dass der Bauer zu feige sein würde, um sich die wehenden Hemden genauer anzusehen. Ihr Wägelchen hatte sie sicherheitshalber fertig beladen zu einem Versteck am Waldesrand gezerrt, falls der Spuk auffliegen sollte.
Aber dem Bauern Berendt schlotterten zum Glück gehörig die Glieder, als er sich Plonie und den Hemden im Mondschein näherte. Mit vor Furcht niedergeschlagenen Augen warf er sich auf die Knie.
„Vater! Mutter!“, rief er in den heulenden Wind hinein. „Segnet mich, euren unwürdigen Sohn!“
In diesem Moment blies der Wind den würzigen Rauch in seine Richtung und hüllte ihn ein, so dass er husten musste.
„Hast du es gesehen?“, rief Plonie. „Lenhart, deine Eltern haben dich gesegnet! Sie sagen, sie sind stolz auf dich und wozu du es im Leben gebracht hast.“
Der Bauer blickte sie mit tränenfeuchten Augen dankbar an. Ächzend stand er auf. Mit verschleiertem Blick sah er zu den vermeintlichen Geistern seiner Eltern rüber und schrie gegen den Wind: „Habt Dank! Und findet euren Frieden!“
Er wandte sich an Plonie:
„Komm, lass uns zu den Lebenden gehen. Meine Frau wird uns etwas Met heiß machen.“
„Geh schon einmal vor. Ich muss noch das Ritual beenden, damit deine Eltern gut wieder ins Jenseits zurückfinden“, erwiderte Plonie, die noch Ordnung auf dem Friedhof schaffen musste. Der Bauer klopfte ihr beeindruckt auf die Schulter und stapfte zurück in Richtung seines Hofes. Kaum war er außer Sichtweite verschwunden, machte sich Plonie an die Arbeit. Auf keinen Fall wollte sie den heißen Met verpassen. Schnell stopfte sie Schnee in die Räuchergefäße und stieg auf den ersten Baum hinauf. Sie war gerade dabei, das Hemd zu lösen, welches sich in der Baumrinde verhakt hatte, als sie einen fremden Mannes auf sich zu schlendern sah.
„Beeindruckende Darbietung“, rief zu ihr nach oben. Plonie hatte das Hemd aus der Borke befreit. Es fiel nach unten, wo es der Fremde grinsend auffing.
„Ich weiß nicht, was du meinst“, gab sie zurück und rutschte den Baumstamm herunter. Sie griff nach dem Hemd in den Händen des Fremden.
„Keine Angst“, erwiderte er und hielt es frech fest. „Ich habe nicht vor, dich zu verraten.“
Plonie entwand das Hemd mit festem Ruck seinem Griff und musterte ihr Gegenüber. Ein hübscher Kerl, befand sie, etwas älter als sie, mit blonden Locken und übermütigen Augen.
„Und was willst du dann?“, fragte sie ruhig zurück und sah zu, wie er zum zweiten Baum hochstieg, um das zweite Geisterhemd abzuhängen. Sie nahm es unten in Empfang und wartete, bis ihr Helfer vom Baum sprang.
„Wir sollten zusammenarbeiten“, gab er Antwort auf ihre Frage. Unwillig entgegnete Plonie:
„Vielen Dank! Ich bin bisher sehr gut allein klar gekommen.“
Doch so leicht ließ er sie nicht davonkommen.
„Nun sei doch nicht so! Du bist Plonie, nicht wahr?“
Verblüfft starrte sie ihn an.
„Man erzählt sich so einiges über dich. Man sagt, du hast die Gabe Schätze zu finden.“
„Mag sein“, murmelte Plonie und wandte sich brüsk zum Gehen. ‚Wer immer dieser Mensch ist‘, überlegte sie, ‚er weiß zu viel von mir.‘ Vielleicht sollte sie doch lieber den heißen Met vergessen und stattdessen schnurstracks zu ihrem Wagen am Waldrand gehen. Der Fremde stellte sich ihr in den Weg.
„Manchmal hast du aber auch nichts gefunden, sagen die Leute.“
„Na und? Was geht es dich an?“, gab Plonie schroff zurück.
„Ich bin ebenfalls sehr gut im Sachen finden“, gab der Bursche zurück und hielt seine Hand hoch, in der er den Geldbeutel von Plonie hielt. Sie stieß hervor:
„Du bist ein Dieb!“
„Aber, aber, spricht man so mit seinem zukünftigen Geschäftspartner?“, erwiderte der Fremde nur amüsiert und reichte ihr den Beutel hin, den sie prüfend befühlte und dann rasch einsteckte.
„Ich leihe mir ein paar Wertgegenstände aus. Die Leute fragen dich daraufhin um Rat. Du machst deinen Hokuspokus. Und dann“, er beugte sich zu ihrem Gesicht herunter, „findest ihren Schatz.“
Wortlos blickten sie sich an. Plonie merkte, dass dieser Bursche ihr gefiel. Ihr Körper fühlte sich an, als würden dutzende Ameisen an ihr hochkrabbeln.
„Was sagst du?“, raunte er ihr zu.
Plonie wollte sich jedoch nicht so leicht weichklopfen lassen.
„Ich sage, dass ich es mir überlege.“
Mit diesen Worten ging sie schnellen Schritts Richtung Friedhofstor.
„Ich heiße übrigens Lentz“, rief ihr der Bursche hinterher. Er wusste, dass sie sich längst für ihn entschieden hatte.
Als der Schnee zu tauen begann, machten sich Plonie und Lentz gemeinsam auf den Weg. Lentz war der erste Mensch nach Caspar, der ihr nahestand. Einen wundervollen Frühling und sonnendurchwärmten Sommer lang zogen sie über die Dörfer. Manchmal wenn die gemeinsam nackt im Gras lagen, träumte Plonie von einer gemeinsamen Zukunft. Doch wenn sie Lentz von solchen Hoffnungen sprach, strich er ihr nur sanft über die Wange und sagte: „Morgen ist morgen, und heute ist heute.“
Lentz war unbekümmerter als Plonie. Er ermutigte sie zu waghalsigeren Betrügereien und riskanteren Heilsversprechen. So kam es häufiger vor, dass die beiden aus einem der Dörfer gejagt wurden. Eines Tages saß Plonie am Wegesrand, während Lentz sich in die Büsche zurückgezogen hatte, um seine Notdurft zu verrichten. Da kam ein Fuhrweg mit mehreren Herren des Weges und hielt vor Plonie.
„Bist du Plonie? Plonie Krögers?“, fragte einer der Männer.
Sie zuckte nur mit den Achseln.
„Bist du es oder bist du es nicht?“, versetzte ein anderer. Plonie nickte mürrisch. Da stülpte ihr einer der Männer blitzschnell einen Sack über den Kopf. Die anderen packten sie zugleich an Händen und Knöcheln und fesselten sie.
Plonie schrie so laut sie konnte. Aber gleich darauf fühlte sie einen Knebel über ihrem Mund, der ihre Laute erstickte. Man lud sie trotz ihrer Widerstände auf den Wagen.
„Plonie Krögers“, verkündete eine Stimme. „Du bist der Hexerei und des Bundes mit dem Teufel angeklagt. Das Gericht in Prenzlau wird über dich entscheiden.“

In Prenzlau warf man sie in ein tiefes Verließ in einem Turm. Dort kauerte sie vor Angst und Kälte schlotternd und verfluchte ihre Leichtsinnigkeit der vergangenen Monate. In Selbstgesprächen versuchte sie Mut zu schöpfen. Doch dann fingen die Folterungen an. Plonie wurde mit Nadeln zerstochen, mit Daumenschrauben gequält und mit heißem Wasser verbrüht, um sie zu einem Geständnis zu bewegen. Plonie schrie und heulte, sie verfluchte ihre Folterknechte, aber sie gab nicht klein bei. Da Plonie sich nicht geständig zeigte, beschlossen ihre Richter, die Wasserprobe mit ihr zu machen. Eines Frühlingsmorgens karrten sie sie zu dem Unteruckersee und warfen sie mit gefesselten Armen und Beinen hinein. Doch Plonie hatte durch einen Zufall von ihrer nächsten Tortur erfahren und sich dementsprechend vorbereitet. Ein junger Bursche, der den Foltermeistern zur Hand ging, hatte eine Neigung zu der hübschen Hexe gefasst. Mit etwas Überredungskunst bewegte Plonie ihn, ihr etwas Öl und ein scharfes Stück Metall zu besorgen. Mit dem Öl rieb sich Plonie kräftig die Gliedmaßen ein. Das Metallstück hingegen versteckte sie unter der Zunge. Lentz hatte ihr Schwimmen beigebracht. In dem kurzen Moment bevor man sie ins Wasser warf, holte sie so tief Luft wie sie konnte. Als sie untertauchte, nahm sie das Metallstück zwischen die Zähne und säbelte das Seil durch, welches ihre Arme und Beine zusammenhielt. Mit kräftigen Zügen schwamm sie unterhalb des Wassers zu den hohen Gräsern, die an einer Seite des Sees wuchsen. Dort tauchte sie schließlich verdeckt auf und sog gierig die frische Luft ein. Sie hörte, wie die Männer im Wasser herumstocherten, um ihren Körper aus dem Wasser zu fischen. Dann die Aufregung, als ihr Leib sich scheinbar in Luft aufgelöst zu haben schien. Sie vernahm, wie die Männer anfingen, das Ufer abzusuchen. Geschwind nahm Plonie einen hohlen Halm in den Mund und tauchte erneut unter, während sie weiterhin durch den Halm atmete. So verharrte sie bis es Abend wurde und ihre Folterer sich geschlagen gaben. Erst als Plonie sich in Sicherheit wähnte, wagte sie sich aus dem Wasser. Sie wrang ihr nasses Hemd aus und verschwand leise in die Nacht.

Die kommenden Monate hielt sich Plonie versteckt. Nur ab und an verließ sie die Wiesen und Wälder und verrichtete Gelegenheitsarbeiten auf einem Hofe. Dann zog sie weiter.
Eines Abends kam sie an dem offenen Fenster eines Hofes vorüber und hörte eine Männerstimme fröhlich vor sich hin pfeifen. Der Laut ging ihr durch Mark und Bein. Diese Stimme hätte sie unter Tausenden wiedererkannt. Rasch sprang sie zu dem Fenster und blickte in die Stube. Er war es tatsächlich.
„Lentz“, rief sie mit strahlendem Gesicht. Lentz schaute, als sähe er ein Gespenst.
„Plonie“, stieß er schließlich hervor. Sein Ausdruck zeigte keine Wiedersehensfreude, sondern Unbehagen. Er blickte hinter sich. „Es ist besser, wenn du gehst.“
Das Lächeln wich aus Plonies Gesicht.
„Aber Lentz, ich… ich wollte nur wissen, ob es dir gut geht. Ich wusste ja nicht, was mit dir geschehen ist.“
Lentz blickte sie mit gleichgültigem Gesicht an.
„Ja“, entgegnete er kühl. „Mir geht es gut.“
Plonie wollte sich nicht so schnell abspeisen lassen. Zu lange hatte sie auf diesen Moment des Wiedersehens gewartet.
„Was machst du hier?“, hakte sie nach.
„Ich?“, erwiderte Lentz. „Ich wohne hier mit meiner Frau.“
Plonie wurde kreideweiß bei seinen Worten. Lentz beugte sich vor und strich ihr mit einer sanften Geste über die Wange.
„Nimm es nicht persönlich. Was wir hatten, war… schön. Aber das hier ist eine reiche Bauerswitwe. Man muss für sich sorgen, verstehst du?“
Plonie starrte ihn nur an.
„Morgen ist morgen und heute ist heute“, flüsterte sie.
Lentz nickte.
„Ich wusste, du würdest mich verstehen.“
Plonie verstummte. Still ließ sie das Fensterbrett los und verschwand.

Doch sie blieb in der Nähe und beobachtete. Und sie freundete sich mit den Stiefkindern von Lentz an, wenn sie ihnen im Wald oder auf dem Felde begegnete. Eines Tages traf sie den kleinen Lorentz, auf den sie schon gewartet hatte.
„Lorentz!“, sprach sie ihn an. „Geh ganz rasch zu deiner Mutter und sag ihr, sie muss zu dem Kornfeld herauskommen.“
„Warum?“, fragte der Kleine.
„Frag nicht!“, drängte Plonie. „Lauf!“
Zufrieden sah sie zu, wie der Junge mit wehendem Haar zurück zum Hof rannte. Kurze Zeit später sah sie die Witwe den Hang in Richtung des Kornfeldes empor. Dort fand sie ihren Ehemann vor, der sich mit ihrer Magd vergnügte. Plonie lächelte leise als sie das Gezeter vernahm. Sie zog den neuen Karren an, den sie gekauft hatte und machte sich erneut auf die Wanderschaft. In ihrem Leib fühlte sie das Kind sich regen, welches die Erinnerung an Lentz für immer tragen würde.

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