Rio, mein Rio

Rio Korn, seit 30 Jahren Sänger der Punk-Band „No Exit“, technischer Leiter in der Brotfabrik Berlin, einschweißter FC St. Pauli-Fan, Gewinner von 64.000€ bei „Wer wird Millionär“, Meister der Blödelwitze und mein langjähriger Partner-in-Crime, wann immer ich eine Performance in der Brotfabrik plante, ist überaschend in der Nacht zum Mittwoch verstorben. Warum? Das weiß ich bisher noch nicht.
Was ich aber weiß, ist, dass die Welt durch das Ableben dieses bunten Originalmenschens definitiv trüber geworden ist. Rio war einfach, wie er war – Take it or leave it!

Ich erinnere mich noch an unsere erste Begegnung:
Ich hatte die Brotfabrikbühne für einen Videodreh angemietet. Der mir zugeteilte Techniker war unter normalen Umständen bestimmt ein netter und fähiger Kerl, aber sein Vater war vor kurzem beerdigt worden und die Gefühle lagen blank. Das führte zu tränenreichen Schilderungen seinerseits und ich versuchte ihn zu trösten, auch wenn ich den eigentlichen Fokus auf das Drehen meines Tanzsolos nicht aus den Augen verlieren durfte. Meine Kamerafrau an dem Tag war ebenfalls etwas durch den Wind. Wegen irgendwelcher technischer Schwierigkeiten ging sie noch in den nächsten Mediamarkt shoppen. Und mich strengte die Situation sehr an, hatte ich doch die Bühne stundenweise angemietet und mein Budget war gleich null. Ich hatte ursprünglich mit nur wenigen Stunden Aufwand gerechnet. Der Lichtaufbau war sehr simpel und das Solo selbst ging nicht länger als eine halbe Stunde. Aber angesichts der ganzen Komplikationen zog sich der Dreh immer weiter in die Länge. Ich hatte Angst, dem Techniker würden irgendwann die Nerven komplett durchgehen und mir einfach abhauen. Und ich säße dann trotz der ganzen Mühe ohne Videomaterial, dafür aber mit den Kosten da. Ich bemühte mich also, alle bei Laune zu halten und mir meine Müdigkeit nicht anmerken zu lassen. An irgendeinem Punkt steckte Rio seinen farbigen Iro durch die Seitentür, erkannte mit einem Blick, was Sache war und kommentierte im Hintergrund mit seiner rauchigen Stimme: „Die Kleene tut mir leid!“ Dann gab er dem gramgebeugten Techniker noch ein paar Tipps, damit der ein bisschen in die Gänge kam. Und mir half das kolossal.
Irgendwie brachten wir den Videodreh damals noch zu einem erfolgreichen Abschluss, aber ab diesem Zeitpunkt, wann immer ich bei der Brotfabrik um Auftrittstermine anfragte, war meine Standardfrage:
„Kann ich Rio als Techniker haben?“ Und ich konnte. Und irgendwann musste ich gar nicht mehr fragen. Rio wusste schon, dass, wann immer ich in der Brotfabrik auf der Bühne stand, ich ihn dabei haben wollte. Und er tat es gern, denn wir mochten uns. Er war nicht einfach ein Techniker. Er war mein künstlerischer Partner. Ich sagte ihm immer: „Ich habe von Licht und Technik keine Ahnung. Und ich sehe mich nicht selbst auf der Bühne. Von daher, wenn etwas kacke aussieht oder du eine bessere Idee hast, dann her damit!“

Und Rio hatte immer Ideen. Irgendwann kannte er meinen Stil und wenn ich wieder mit einem neuen Stück ins Theater kam, hängte er bereits am Vorabend der Einrichtungsprobe Lichter, weil er sich schon seine Gedanken dazu gemacht hatte. Kam ich in den Saal, hieß es immer zur Begrüßung: „Süße, ick trinke noch nen Kaffe, rooch noch ene und dann leg’n wia los.“ Und das taten wir.

Rio nahm nie ein Blatt vor den Mund. Da musste ich bei manch künstlerischer Kritik schon schlucken. Aber übel nahm ich es ihm nie. Wie konnte ich auch! Und ich wusste, er meinte es nicht böse. Er war einfach eine ehrliche Haut. Nach der Vorstellung saßen wir gemeinsam unten in der Kneipe und quatschten. Er erzählte mir von seinen Töchtern, seiner Band, Fußballspielen und seinen Liebschaften. Ein bisschen Geflirte war bei uns auch immer dabei. Das gehörte irgendwie dazu.

Das letzte Mal sah ich Rio bei einem „Konzept Feuerpudel“-Abend, kurz bevor Corona unsere Welt auf den Kopf stellte. Ich war – ausnahmsweise – als Gast gekommen. In der Pause unterhielten wir uns, tauschten Neuigkeiten aus. Damals erzählte er mir von den Aufführungen von „De Janeiro – ein Punk ertrinkt im Wei­ßen­see“, ein Theaterstück, das jemand über ihn geschrieben hatte. Er kramte ein übrig gebliebenes Programmheft hervor und schenkte es mir. Ich bestand auf eine persönliche Widmung mit Autogramm, die Rio mir natürlich nicht abschlug. Jetzt suche ich das Ding, welches sich in den Unweiten meines WG-Zimmers versteckt hält.

Hätte ich jemals Fördergelder bekommen, um mit einem meiner Stücke auf Tour zu gehen, ich hätte Rio gebeten, mitzukommen. Das habe ich ihm nie gesagt, aber das war nie eine Frage für mich. Weil ich wusste, ich konnte mich auf ihn verlassen. Er ließ mich nie hängen. Jetzt ist er fort und ich trauere um diesen einzigartigen Menschen.
Du wirst mir fehlen, Rio! Und um es in deinen Worten zu sagen:
„Good bye, mein Freund – Guten Einkauf!“

Ein Gedanke zu “Rio, mein Rio

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