Xingtian

Herr Chen, der Mutant, richtete seinen glühenden Blick auf Ying. Behände sprang sie noch rechtzeitig hinter den umgekippten Schreibtisch, bevor Laserblitze aus seinen Augen die Stelle versengten, wo wenige Sekunden zuvor ihre Absätze noch Spuren in den flauschigen Teppich gedrückt hatten.
„Luan!“, schrie sie aus ihrer Deckung hervor. „Tu etwas!“
Hilfesuchend ergriff sie einen Tacker und feuerte einige Nadeln in Richtung des Monsters, die aber wirkungslos zu Boden fielen. Luan tippte unterdessen, verborgen in seiner Arbeitskabine, wild auf der Tastatur seines PCs herum. Die Perkussion seiner Finger aktivierte den Lautsprecher an der Bürodecke, der eine für Menschen komplett harmlose Tonfrequenz abspielte, die Gehörwindungen des Monsters aber in schmerzhafte Vibrationen versetzte. Das Biest, welches einstmals Herr Chen gewesen war, wand sich in Krämpfen auf dem Boden, die Pranken fest auf die Ohren gepresst. Luan drückte noch einige Keyboardtasten und ergriff zwei zusammengeklappte Regenschirme, welche über der linken Stellwand seines Büroabteils baumelten. Einen warf er seiner Kollegin zu.
„Ying! Spann auf!“, rief er atemlos.
Das Mädchen fing geschickt den Schirm auf, öffnete ihn so schnell sie vermochte und hielt ihn über den Kopf. Luan tat es ihr nach, während bereits die Sprinkleranlage in Betrieb ging. Dank Luans Voraussicht war das Wasser bereits Tage zuvor durch eine besondere Säure ersetzt worden. Sie hörten, wie das Monster einen markerschütternden Schrei von sich gab, als…

„Luan?“, riss ihn eine flüsternde Stimme aus seinem Tagtraum.
Verwirrt blickte er von seinem Papierblock hoch, auf dem er ein Bildnis des Schlangendämons Xianglin gekritzelt hatte und wandte sich nach seiner Kollegin im Büroabteil nebenan um. Xianglin besaß traditionell neun Köpfe. In Luans Version trug jeder von ihnen das Gesicht seines Chefs, Herrn Chen.
„Wie ist es bei dem Alten gelaufen?“, erkundigte sich Ying besorgt.
„Geht so“, raunte Luan zurück. „Er will mehr Arbeitseinsatz sehen, mehr Leistung. Sieht nach mehr Überstunden für mich aus.“
Er seufzte. In Wirklichkeit war das Gespräch wesentlich schlimmer abgelaufen. Luan sah immer noch den brüllenden Herrn Chen vor sich: „Für wen oder was halten Sie sich überhaupt? Sie sind ein Niemand, ein Nichts, ein absolut erbärmliches Nichts!“
Aber das wagte er nicht, Ying anzuvertrauen. Luan war ein fleißiger Mitarbeiter, aber Herr Chen hatte ihn seit seinem ersten Tag in der Firma auf dem Kieker gehabt. Es war nicht fair, aber nicht zu ändern. Ying streckte ihre Hand aus und reichte Luan zum Trost ein paar ‚White Rabbit‘-Erdbeerbonbons herüber.  Luan nahm die Bonbons, pulte eines aus seiner Zellophan-Verpackung und steckte es in den Mund. Er atmete tief ein und fühlte, wie sich der köstlich-künstliche Fruchtgeschmack in seinem Mund ausbreitete. Dann riss er das Blatt mit seiner Zeichnung von dem Block und verstaute es in seiner Tasche. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn Herr Chen es zu Gesicht bekam. Er zog seinen Stuhl näher an den Schreibtisch heran und begann zu arbeiten.
Es war bereits kurz vor Mitternacht, als Luan mit dem Schnellzug von Shenzhen nach Guangzhou fuhr. Nach seiner Ankunft wanderte er müde und hungrig durch die geschäftigen Straßen. Er machte an einem Suppenimbiss Station und bestellte sich ein paar Teigtaschen. Dann verzog er sich mit seiner Portion Jiaozis an einen der blauen Plastiktische, die auf dem Seitenweg standen. Er zog ein Comicbuch aus seinem Rucksack, schlug es auf und nahm die Essstäbchen zur Hand. Während er das Essen desinteressiert in den Mund schob, ging er umso gieriger seiner Lektüre nach. Es war seine Art, für ein paar kostbare Momente der grauen Realität zu entfliehen. Doch keine fünf Minuten später wurde sein Vergnügen bereits beendet, als jemand ihn unsanft am Arm packte.
„Luan Zhang? Sie sind hiermit verhaftet. Kommen Sie unverzüglich mit!“
Verblüfft blickte er auf den Mann rechts neben sich. Linkerhand stand ein weiterer Herr, welcher wie der Erste einen langen, dunklen Mantel trug. Und als er sich umblickte, sah in etwas mehr Entfernung weitere, ähnlich gewandete Gestalten.
„Wie Klone…“, entfuhr es ihm.
„Was?“, blaffte ihn sein Nachbar an, der immer noch Luans Arm im festen Griff hielt. Luan räusperte sich.
„Das… das muss ein Missverständnis sein“, stammelte er. Doch sein Kamerad auf der rechten Seite schüttelte entschieden den Kopf.
„Kein Missverständnis. Und keine Diskussionen. Kommen Sie.“
Mit diesen Worten zog er Luan gebieterisch von seinem Plastiksitz hoch. Der Kollege zur Linken nahm Luan sein Buch ab. Luan ließ die Essstäbchen aus seiner Hand auf den Tisch fallen und folgte verwirrt den beiden Männern. Wie auf Kommando zogen sich die dunklen Silhouetten der weiter Entfernten in die gleiche Richtung zurück. Gemeinsam erreichten sie drei geparkte Fahrzeuge. In das Mittlere wurde Luan gedrängt. Er wagte nicht zu fragen, wohin die Reise ging.

Eine Stunde später saß er in einem kahlen Raum an einem Metalltisch. Luan befand sich in einer klassischen Verhörsituation, so viel wusste er aus diversen Filmen. Er war sich aber keiner verbrecherischen Tat bewusst. Hier musste ein Versehen vorliegen, denn er war wirklich niemand. In dieser Auffassung stimmte er mit seinem Chef überein. Die Tür öffnete sich und ein fettleibiger Mensch schob sich herein, dicht gefolgt von einigen Personen in Militäruniform.
„Herr Zhang, es freut mich, dass Sie hierhergefunden haben“, grüßte der Dicke und nahm auf dem Stuhl gegenüber Platz, der unter dem beachtlichen Gewicht beängstigend zu ächzen begann.
„Mein Name ist irrelevant“, winkte er ab, als hätte Luan ihn danach gefragt. „Kommen wir ohne Umschweife zur Sache.“
Eine Frau mit Pagenkopf trat vor und legte eine grüne Mappe auf den Tisch. Der Dicke schlug sie auf und entnahm ihr ein Blatt.
„Erkennen Sie diese Zeichnungen?“ Er schob das Blatt Luan hin. Luans Augen tasteten prüfend über das vorgelegte Blatt. Er erstarrte, als er die Schriftzüge wiedererkannte. In seinen Gedanken wirbelte es wild umher, während er sich bemühte, äußerlich ruhig zu erscheinen. Das Blatt stellte die Anfangsseite aus Luans Comic „Xingtian“ dar. Das Papier war ihm vor einigen Wochen aus der Tasche gefallen und direkt vor die Füße einer jungen Frau mit rosa gefärbten Haaren geweht. Als sie sich bückte, um die Seite aufzuheben, war ein unverkennbarer Erdbeerbonbongeruch in Luans Nase gestiegen. Sie hatte ihn neugierig gefragt, was es mit den Zeichnungen auf sich habe. Er hatte damals gelogen und gesagt, er hätte den Cartoon ebenfalls um die Ecke, auf der Straße gefunden. Die Lüge war ihm einfach so herausgerutscht. Er hatte seine Zeichnungen noch nie zuvor jemandem gezeigt. Seine Schöpfungen waren nur für ihn. Aus Spaß hatte er sie unter einem Pseudonym verfasst: „Caidian“ (Farbfernsehgerät). Dieser Name prangte nun oben auf der ersten Seite. Ein Name, den arme Bauern einst ihrem zweiten männlichen Kind gaben, welches der Ein-Kind-Politik zum Trotz geboren wurde. Wer damals gegen die Restriktionen verstieß und ein zweites Kind zur Welt brachte, musste hohe Gebühren zahlen, damit das Kind offiziell registriert wurde. Auch ein Farbfernseher war eine teure Anschaffung. In der Regel musste eine arme Familie sich zwischen der Anmeldung des Kindes und der Anschaffung eines Fernsehers entscheiden. Daher kam der Name. Luan gehörte zu der letzten Generation, die unter dieser Politik geboren worden war. Auch er war der zweite Sohn in der Familie, aber Dank der Nähe zur der Hongkonger Grenze war es ihm möglich gewesen, dort die Schule zu besuchen und sogar eine Anstellung zu finden. Das wäre in seiner Heimatstadt nicht möglich gewesen. Daran hatte auch die Abschaffung der Ein-Kind-Politik nichts geändert. Der Status der Zweitgeborenen war immer noch in den meisten Fällen ungeklärt. Das Mädchen mit dem pinken Haarschopf hatte ihn damals zweifelnd gemustert, als er ihr versicherte, dass er einen anderen Namen als der Zeichner trug. Ihre Augen waren für einen kurzen Moment ironisch aufgeblitzt, als sie daraufhin erwiderte, dass sie ihm dann auch nicht das Blatt zurückgeben müsse.  Kurzerhand hatte sie die Seite in ihre Handtasche gestopft und war davongestapft. Luan hatte sie ziehen lassen müssen. Daheim fertigte er später eine neue Zeichnung als Ersatz an, aber er hatte immer das Gefühl gehabt, dass sie an sein Original nicht herankam. Das hier war offensichtlich eine Fotokopie der verlorenen Seite. Wäre Luan nicht in dieser beklemmenden Situation gewesen, hätte er sich über das Wiedersehen gefreut.
„Nun rede schon!“, stieß der beleibte Mann ungeduldig hervor und gab einem der Wachmänner ein Zeichen. Dieser zwang Luans Kinn in die Höhe, so dass er den Dicken anschauen musste.
„Das ist dein Werk, nicht wahr?“
Luans Gedanken überschlugen sich. Xingtian, der Held seiner Geschichte, und eine bekannte mythische Figur in China, war ein kopfloser Gott, der gegen den gelben Kaiser rebellierte. Das konnte als politische Aussage interpretiert werden, auch wenn Luan das nicht beabsichtigt hatte. Oder machte er sich damit selber etwas vor? In jedem Fall war es auch hier das Klügste, eine Lügengeschichte zu erzählen.
„Ich sehe das zum ersten Mal“, behauptete er. Unschuldig deutete er auf den Schriftzug am Anfang der Geschichte. „Sie sehen doch, der Name ist falsch.“
Der Dicke lachte verächtlich und blickte in die Runde der Uniformierten. Dann wandte er sich erneut Luan zu und zog ein weiteres Blatt aus der Mappe hervor, welches er auf die Tischplatte klatschte.
„Und was ist bitteschön das hier?“
Vor Luan lag das Papier, welches er von dem Schreibblock im Büro gerissen hatte. Die Zeichnung von dem Schlangendämon mit Herrn Chens Gesichtern blickte ihm unverkennbar entgegen.
„Ziemlich ähnlicher Stil, findest du nicht?“, blökte sein Gegenüber höhnisch. Doch Luan ließ sich nicht beirren. Zum Glück war die Bürozeichnung recht unsorgfältig ausgeführt.
„Entschuldigen Sie bitte, aber Sie wollen doch meine Krakelei nicht mit diesen sauberen Linien vergleichen? Dieser Stil wird außerdem überall verwendet. Fragen Sie einen Buchladenbesitzer! Das könnte so ziemlich jeder fabrizieren.“
Luan flehte inwendig um mehr schauspielerisches Talent. Er konnte nur hoffen, dass seine Entrüstung glaubhaft nach der eines zu Unrecht bezichtigten Bürgers klang. Der schwergewichtige Mann schob seinen Stuhl zurück und stützte sich mit den Handflächen auf die Tischplatte. Wie ein bedrohlicher Fleischturm überragte er so Luan.
„Ich persönlich halte es für einen unglaublichen Zufall, dass wir dieses Machwerk ganz in der Nähe deines heutigen Aufenthaltsortes gefunden haben. Ein Platz, den du jeden Tag auf deinem Nachhausweg passierst. Dein Name mag nicht Caidian sein, aber du bist ein Zweitgeborener. Und du zeichnest in einem Stil, der zumindest diesem Ding hier…“
Er fasste den Cartoon mit spitzen Fingern an, als sei er ein ekelerregendes Tier.
„…verdächtig nahe kommt. Das sind schon sehr viele Zufälle auf einmal, wenn du mich fragst.“
Mit den letzten Worten war er Luans Gesicht immer nähergekommen, bis dieser den Atem des Dicken auf seinen Wangen verspürte.
Luan griff zu dem letzten Strohhalm, der ihm spontan in den Sinn kam:
„Haben Sie die Wohnung meiner Eltern durchsucht? Sie wissen doch, dass ich dort wohne?“
Zum Glück wussten die Eltern nichts von Luans kreativen Aktivitäten. Luan hatte seine Arbeiten immer als minderwertig empfunden. Jedenfalls nicht gut genug, um sie seinen Eltern zu zeigen. Die fertigen Zeichnungen hatte er immer im nachbarlichen Taubenschlag auf dem Dach versteckt, unter den Zeitungen, die für den Kot der Vögel ausgelegt waren. Er hoffte, dass niemand dort gesucht hatte. Der Fettleibige zog sein Gesicht abrupt zurück. Seine Züge drückten Enttäuschung aus. Schwer ließ er sich auf seinen Stuhl zurückfallen.
„Zeitverschwendung, absolute Zeitverschwendung“, zischte er missmutig zwischen den Zähnen hervor.
„Geh!“, herrschte er Luan an. „Aber wir haben ein Auge auf dich. Vergiss das nicht… Wir können dich jederzeit zermalmen, wie ein Nichts. So einen Niemand wie dich vermisst keiner.“
Luan erhob sich mit vor Erleichterung unsicheren Beinen und folgte einem der Uniformierten nach draußen. Zielstrebig schlug er den Weg zu der elterlichen Wohnung ein.

Dort stellten ihn seine aufgeregten Eltern zur Rede, deren Bleibe von oben bis unten durchsucht worden war. Auch ihnen erzählte er seine Lügen bis sie sich beruhigten. Luan war nach den ungewöhnlichen Vorgängen der Nacht sehr erschöpft und freute sich nun auf sein Bett. Nach dem Aufstehen würde er sich Gedanken um seine übrigen Zeichnungen machen müssen. Wenn sein Xingtian-Comic schon so viel Aufsehen erregte, wollte er nicht wissen, was der Dicke von den anderen Bildern halten würde, die er über die Jahre angefertigt hatte. Als er einige Stunden später aus unruhigem Schlummer erwachte und die Augen aufschlug, sah er sich dem rosahaarigen Mädchen gegenüber. Mit einem Ruck setzte er sich auf und starrte sie an. Sie hingegen lehnte unbeeindruckt an seiner Zimmerwand und kaute ruhig auf ihrem Bonbon.
„Harter Tag gewesen, was?“, fragte sie ihn mit sanfter Stimme. Luan sog ihren erdbeerigen Geruch ein und blickte unruhig im Zimmer umher, um sicherzugehen, dass sie allein waren.
„Wie…?“, hub er zu fragen an, aber sie unterbrach ihn sofort.
„Ich bin durchs Fenster gekommen. Aber vorher war ich noch kurz auf dem Dach.“
Sie deutete auf seine Zeichnungen aus dem Taubenverschlag, die sie mitgebracht hatte. „Ich kann nicht lange bleiben. Es ist besser, wenn du meinen Namen nicht erfährst. Ich will nur, dass dir bewusst ist, was du und deine Arbeit für unsere Bewegung bedeuten.“
Luan schnappte nach Luft.
„Was für eine Bewegung? Was soll das Ganze? Ich mache keine politischen Zeichnungen!“
Er schnellte von seinem Bett hoch und ging auf das Mädchen zu, welches lächelnd ebenfalls aufstand.
„Ach ja? Bist du dir da so sicher?“
Seelenruhig wickelte sie seine Zeichnungen in eine alte Zeitung und verstaute das Paket anschließend in ihrer Umhängetasche.
„Besser sie finden sie bei mir als bei dir“, sagte sie und zwinkerte ihm zu.
Sie näherte sich Luan, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Dann flüsterte sie: „Lass das Zeichnen für eine Weile bis sich alles beruhigt hat. Ich melde mich bei dir.“
Sie wandte sich zum Gehen. Luan hielt sie auf.
„Ist es in Ordnung, wenn ich dich ‚White Rabbit‘ nenne?“
„Kopflos wie Xingtian…“
Sie lachte leise und nickte. Sie streckte ihre Hände aus und berührte sein Gesicht.
„Hör mal: Was ist nicht politisch? Es ist nicht immer alles schwarzweiß. Du solltest das am besten wissen, mein lieber Farbfernseher.“
Sie schwang die Beine aus dem Fenster und drehte sich ein letztes Mal zu ihm um.
„Übrigens, Luan, du bist alles andere als ein Niemand. Folge einfach deinem weißen Kaninchen ins Wunderland.“
Sie zog sich aufs Dach und war verschwunden. Zurück blieb der Duft nach künstlichen Erdbeeren.

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