Schaffen oder Nicht-Schaffen, das ist hier die Frage

Tante Gisela, einer der Griller, steht wild gestikulierend vor meinem Chef, als ich das Steakhaus betrete, in dem ich momentan arbeite.

„Herr Gärtner, isch weiz doch och nüsch, wo dea blaiben tüt, ne wahr? Eischentlich soallte dea doch schoan längst doa sein“, höre ich ihn schnattern. Herr Gärtner blickt kurz über seine Schulter zu mir: „Frau S., Sie haben heute den Bereich 1-10.“ Tante Gisela will gerade weiterstänkern, da saust aus der Küchentür sein Kollege Butch hervor.

„Tschuldigung“, blöckt er lautstark, „hab es nicht rechtzeitig zur U-Bahn geschafft.“

 An Tisch 1 sitzt ein hübscher Typ.

„Guten Tag. Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen?“
„Hi, rrrr english rrr…“, kommt es von seinen Lippen. Ich bin sprachlos. Dann entschuldige ich mich und gehe die englischsprachige Menükarte holen.

Mit der Karte unter dem Arm und Salaten in beiden Händen, laufe ich im Slalom zwischen den Fangen spielenden Kindern zu Tisch 3.

„Du kriegst mich nicht, das schaffst du nicht, das schaffst du nicht“, schreit triumphierend die kleine Schwester und schlägt einen abrupten Haken, der mich fast ins Straucheln bringt. Geschwind setze ich die Teller am Tisch ab und eile dann mit der Karte zu meinem Gast Nr. 1. Kaum ist das geschafft, kommen zwei Obdachlose durch die Eingangstür und fragen mich, ob sie hier etwas trinken dürfen. Ich nicke und gebe ihnen zwei Getränkekarten mit. Ich will mich gerade wieder zu Tisch 1 begeben, da kommt mein Kollege Hamid angeschlurft. Er war einmal mit unserer Kollegin Tatjana liiert und seitdem er sich von ihr getrennt hat, behandelt sie ihn einfach wie Luft.
„Ich sage dir, ich weiß nicht, wie lange ich das noch so aushalte. Ich schaffe das einfach nicht.“

Ich klopfe ihm aufmunternd auf die Schulter und gehe endlich zu meinem Gast  an Tisch 1 zurück.
„How do you want your steak? English, medium or well done?“

„Rrrrr“, bellt der Gast zurück. Ich glotze irritiert.

„Rare?“, frage ich zaghaft und ernte ein lebhaftes Kopfnicken. Erleichtert will ich in Richtung Küche davonwuseln, aber da sehe ich eine ältere Dame mit einem goldenen Hütchen an Tisch 7 mir zuwinken. Also nichts wie zurückgewetzt. Sie ordert das Hühnchenfilet. Auf dem Rückweg zum Grill notiere ich noch zwei große Pils für die Penner an Tisch 4.

Dann muss ich fix in die Küche, Besteck polieren. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie Hamid in einer Ecke mit Tatjana spricht. Finally!
In der Küche reibe ich in Windeseile Gabeln und Messer trocken, während unsere Küchenhilfe Ben mir beichtet:

„Ich habe es nicht geschafft, noch rechtzeitig rauszuziehen. Und jetzt wissen wir nicht, wer der Vater ist. Mein Cousin oder ich.“

„Ach du Schreck“, entfährt es mir und ich höre Butch durch die Tür rufen: „Schnucki, dein Steak ist fertig!“

Also lasse ich das Besteck erstmal sein und laufe mit dem zischenden Steak zu meinem Gast an Tisch 1. Als ich zurückkomme, hält mich mein Chef auf: „Frau S., ich weiß Ihre soziale Ader ja sehr zu schätzen, aber könnten Sie Ihren Freunden“ – sein Kopf deutet in Richtung der Obdachlosen – „bitte sagen, dass Sie sich verabschieden möchten. Sie vertreiben mir sonst die anderen Gäste.“ Ich nicke und bringe die Besteckkästen zu meiner Station. Dort ziehe ich die Rechnung für Tisch 4 aus der Kasse. Auf dem Weg zu dem Tisch knurrt mir der Hübsche von Tisch 1 halbwegs verständlich zu, dass er noch Spinat zu seinem Steak will. Mittlerweile ist allerdings auch das Essen für die Familie an Tisch 3 fertig, sowie das Hähnchenfilet für die Dame mit dem goldenen Hut. Mein Kollege Piet hilft mir die vielen Teller zu tragen und fragt mich zum x-ten Mal erfolglos, ob ich mit ihm ausgehe. Mit dieser Frage nervt er ständig alle Kolleginnen, sogar unsere fast siebzigjährige Putzfrau, die ihm nur mit hochgezogenen Augenbrauen entgegnete: „Mich schaffst du nicht.“

Ich gebe die Spinat-Bestellung weiter und komme endlich an Tisch 4 zu meinen Obdachlosen.

„Wollen dir ja keinen Ärger machen,“ krächzt der eine verständnisvoll, als ich die Lage erkläre. Die Biere der beiden gehen auf mich. Ich kann vielleicht nicht die Welt ändern, aber ich kann den zweien zumindest eine kleine Freude verschaffen. Derweil haben sich an Tisch 2 drei Stammgäste niedergelassen, sowie an Tisch 9 eine Touristenhorde. Der kauderwelsche Typ an Nr. 1 bekommt seinen Spinat und die Dame mit dem goldenen Hut will zahlen. Die Kinder an Tisch 3 fragen mich, ob ich die nicht ganz geschafften Portionen einpacken lassen kann. Das übernimmt Tante Gisela, während ich die Beilagensalate für die Stammgäste fertigmache. Dabei rutscht einer der Dressingbottiche aus seiner Halterung und ergießt seinen Inhalt auf dem Boden. Gerade in dem Moment taucht die Dame mit dem goldenen Hütchen erregt neben mir auf.

„Entschuldigen Sie,“ stammelt sie. „Ich habe es einfach nicht mehr geschafft.“

Ich habe keine Ahnung, wovon sie redet, aber ich entgegne mechanisch: „Macht ja nichts. Kann ja passieren.“

Bea, die Bartenderin, schubst mich zur Seite. „Geh ruhig, ich mach das hier schon sauber.“

„Danke. Du bist die Beste,“ rufe ich und schnappe mir die fertigen Salate sowie die eingepackten Essensreste. Auf dem Weg zu den Tischen komme ich an meinem Chef vorbei. „Herr Gärtner, eine ältere Dame hat gesagt, sie hat irgendetwas bei den Toiletten ‚nicht geschafft‘. Vielleicht sehen Sie mal nach.“ Nachdem ich meine Fracht an den jeweiligen Tischen abgeladen habe, kassiere ich die Familie an Tisch 3 ab und auch meinen Lost-in-Translation-Gast an Tisch 1. Ich bin gerade dabei, die Tische abzuräumen, da höre ich meinen Chef fluchend aus dem Untergeschoss kommen.

 „Einfach hingeschissen!“ stößt er mit rotem Kopf hervor. „Sie hat doch einfach vor die Toilettentür hingeschissen.“ Er verschwindet im Abstellraum, um Putzzeug zu holen, während ich loslachen muss. Die Vorstellung ist einfach zu komisch.

Langsam leert sich das Lokal. Von allen Kollegen sind nur noch Butch und ich übriggeblieben. Kurz vor 23 Uhr fährt ein Bus vor. Zielstrebig steuert der daraus aussteigende Reiseleiter auf die Eingangstür zu.

„Versteck dich!“, raunt mir Butch zu. Blitzschnell tauchen wir beide ab, er hinter seinem Grill, ich hinter einer Sitzgruppe.

„Hallo?“, hören wir rufen. „Ist hier jemand?“ Wir halten den Atem an. Nach einigen Minuten hören wir den Guide enttäuscht abziehen. Kaum sind wir wieder aufgestanden, da steckt Herr Gärtner den Kopf durch seine Bürotür.

„Äh… Habe ich nicht eben eine Stimme gehört?“ Butch und ich machen unschuldige Gesichter.
„Na, dann haben Sie es für heute geschafft. Machen Sie Feierabend.“

Auf dem Nachhauseweg denke ich: Manchmal ist gut, wenn man etwas schafft. Wie einen Haufen Bestellungen zu meistern oder jemanden eine Freude machen. Aber manchmal ist es auch gut, wenn man etwas nicht schafft. Weil so ein neuer Mensch in die Welt kommt oder man sich mit jemandem ausspricht. Aber manchmal ist alles, was dabei herauskommt einfach nur Scheiße.

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